Rezension: Was ist eigentlich ANARCHIE?

Sep 4th, 2008 • Kategorie: Anarchie und Alternativen, September/Oktober 2008

Das ist ja pure Anarchie! Mit diesem Satz reagieren viele Menschen auf Chaos und Kriminalität. Dabei hat Anarchismus damit eigentlich gar nichts zu tun.

Im Gegenteil, der französische Soziologe und anarchistische Vordenker Pierre-Joseph Proudhon sagte einmal „Perfekt ist die Gesellschaft, die Ordnung mit Anarchie verbindet.“ Aber wie kann das denn sein? Sind AnarchistInnen denn nicht Menschen, die die Gesellschaft in Unordnung stürzen wollen, in Mord und Totschlag, sind AnarchistInnen denn keine VerbrecherInnen, die die Gesetze abschaffen wollen um ihren kriminellen Trieben ungestört nachgehen zu können? Dass diese, leider gängige, Behauptung nichts weiter ist als ein Vorurteil, zeigt das Buch „Was ist eigentlich ANARCHIE?“.

Anarchie kommt vom griechischen Wort An-Archia, was  „keine Herrschaft“ bedeutet. Dies und vieles anderes erklärt das Buch.Angefangen wird im ersten Teil mit den Grundgedanken. Der Begriff „Anarchie“ wird noch weiter erklärt, mensch erfährt was AnarchistInnen überhaupt wollen. Auf knapp 60 Seiten gibt es einen Crash-Kurs in anarchistischer Kritik (zum Beispiel am Staat, an der bürgerlichen Demokratie) und den Alternativen und Idealen. Darauf folgen Darstellungen der einzelnen Ansätze und TheoretikerInnen des Anarchismus. Vordenker wie Proudhon, Kropotkin und Bakunin werden vorgestellt. Zum Schluss dreht sich alles um die geschichtliche Praxis. Denn es gab auch schon Ansätze anarchistischer Gesellschaften. Teilweise, so in der Ukraine und in Spanien ist aus den Ansätzen auch eine funktionierende Gesellschaft gewachsen. Gescheitert sind diese Systeme dann nicht an ihren eigenen Fehlern, sondern am Unwillen der Herrschenden, ihre Macht abzugeben. Für alle, die die Nase voll haben von einer „Demokratie“, in der sich die grundlegenden Dinge, wie die Verteilung der Macht, sowieso nicht wesentlich ändern, die aber nicht wissen, wie die Alternative aussehen könnte, ist dieses Buch ein guter Einstieg.

Dabei ist es allerdings kein dicker, schwer verständlicher „Schinken“, sondern eine 166 Seiten starke „Einführung in die Theorie und Geschichte“ des Themas. Das Buch hält was es verspricht: Auch für LeserInnen ohne Vorkenntnisse ist es leichtverständlich und spannend. Von dem Buch darf mensch keine neutrale Dokumentation der auch libertär (freiheitlich) bezeichneten anarchistischen Bewegung erwarten – es ist von einem anarchistischen Autorenkollektiv geschrieben. Jedoch ist das Buch gerade dadurch mit einem enormen Hintergrundwissen gespickt und äußerst packend geschrieben.

Auch für die anarchistische Weiterbildung ist die Einführung hilfreich. Neben Begriffserklärungen am Seitenende befinden sich nämlich hinter jedem Kapitel Verweise auf weiterführende Bücher. Alles in Allem ist „Was ist eigentlich ANARCHIE?“ der richtige Einstieg in ein viel zu oft falsch verstandenes Thema.

Felix Huesmann

Karin Kramer Verlag
3-87956-700-X  /  162 Seiten
Euro (D) 10,50 (unverbindliche Preisempfehlung)

Felix Huesmann (16) besucht ein Gymnasium im Münsterländischen Ibbenbüren und kann sich mit dem Gedanken einer anarchistischen Gesellschaft gut anfreunden.