Keine Ehrung für Nazi-Opfer

Vor über zehn Jahren starb der von den Nazis zwangssterilisierten Paul Wulf – eine Ehrung in seiner Heimatstadt Münster gibt es immer noch nicht.

Die alle zehn Jahre stattfindende Münsteraner Ausstellung „Skulptur-Projekte“ war 2007 – neben der Kasseler Documenta – der Jahreshöhepunkt für die deutsche Kunstszene. Skulpturen von 36 Künstlerinnen und Künstlern aus der ganzen Welt zierten den öffentlichen Raum der 270.000 EinwohnerInnen-Stadt. Rund 575.000 BesucherInnen kamen, um sich die Skulpturen anzusehen. Auf Wunsch der städtischen Kunstkommission und vieler BürgerInnen sollte die „Paul Wulf-Statue“ Münster auch nach der Kunstausstellung bereichern.

Die Statue ist ein Abbild des im Nationalsozialismus im Alter von 16 Jahren zwangssterilisierten Paul Wulf. Der Antifaschist wurde am 2. Mai 1921 geboren. Aus finanziellen Gründen schickten die Eltern den jungen Paul 1928 in ein katholisches Kinderheim in Cloppenburg. Vier Jahre später wurde er in die jugendpsychiatrische Anstalt Marsberg verlegt, in der wegen Platzmangel „gesunde“ und „kranke“ Kinder zusammen lebten.

Im Heim kam Paul Wulf erstmals mit rassenhygienischen Maßnahmen der Nazis in Berührung. Der Leiter der Jugendpsychiatrie stellte Paul Wulf die völlig unbegründete Diagnose „angeborener Schwachsinn ersten Grades“. Von der faschistischen Ideologie geleitete Misshandlungen durch die Angestellten der Psychiatrie waren Folgen der Diagnose. Paul Wulf wurde als „lebensunwert“ abgehakt. Die Misshandlungen bemerkten auch seine schockierten Eltern und taten alles, um Paul aus den Fängen der rassistischen Heimleitung zu bekommen. Der Preis für die Freiheit ihres Sohnes war jedoch hoch: Zwangssterilisation! Aus Angst um das Leben ihres Sohnes stimmten die Eltern zu – am 12. März 1938 wurde Paul Wulf im Paderborner Landeskrankenhaus zwangssterilisiert. Wie er selbst erzählte, eine schreckliche Prozedur. Umso schrecklicher, weil während der Zwangssterilisierung das Radio im OP-Saal lief und jubelnde „Sieg Heil“-Rufe durch den Saal hallten – die Nazis waren gerade in Österreich einmarschiert.

Die Paul Wulf-Statue von Künstlerin Silke Wagner und dem Umweltzentrum-Archiv-Verein trägt zurecht den Namen „Münsters Geschichte von unten“ – die Statue ist eine Art Litfaßsäule und wurde während der Skulptur-Projekte 2007 mit vier verschiedenen Themen plakatiert: Beginnend mit der „Lebensgeschichte und gesellschaftspolitischen Arbeit von Paul Wulf“ über die „Geschichte der Hausbesetzungen in Münster“ und „Politische Zensur von Texten in Deutschland von 1970 bis heute“, endet sie mit der Plakatierung „Anti-Atom-Bewegung in Münster“ – alles Themen, mit denen sich Wulf zu Lebzeiten selbst befasste. Die Paul Wulf-Statue in Münster war das einzige Denkmal für Zwangssterilisierte in ganz Deutschland – bis sie am Ende der Kunstausstellung abgebaut und in eine Lagerhalle verstaut wurde. Dort liegt sie bis heute.

"Münsters Geschichte von unten": Die Paul-Wulf-Statue bei der Ausstellung "Skulptur-Projekte". Foto: Ralf Emmerich

"Münsters Geschichte von unten": Die Paul-Wulf-Statue bei der Ausstellung "Skulptur-Projekte". Foto: Ralf Emmerich

Die Abstimmung über den Erhalt der Skulpturen war eigentlich nur noch Formsache, sie endete aber in einem Skandal. Die Stadtratsmehrheit von CDU und FDP verwehrten der Paul Wulf-Skulptur ihre Zustimmung. Die Wellen schlugen während der öffentlichen Sitzung des Münsteraner Kulturausschusses am 7.November 2007 hoch: „Sie spucken auf das Grab von Paul Wulf!“ rief ein junger Mann aus dem Publikum. Auch die Kunstkommission war vor den Kopf gestoßen. Der Direktor des Landesmuseums Dr. Hermann Arnold sprach von einem „fatalen Image-Schaden für die Stadt Münster“. Zahlreiche Medien berichteten und selbst konservative Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine wetterten gegen die „Arroganz der Macht“ von CDU und FDP.

Dass die beiden Parteien die Skulptur ablehnen, hat weniger einen politischen als einen historischen Hintergrund: Nach dem Ende des Nationalsozialismus machte der Autodidakt Wulf mit zahlreichen Ausstellungen auf fanatische Anhänger der Nazis aufmerksam, die ihre Karriere nach dem 2. Weltkrieg unbehelligt fortführten – dies war vor allem für die CDU unbequem.

Hoffnung, die Statue doch noch aufzustellen, gab ein Beschluss der Münsteraner Bezirksvertretung Mitte, auf deren Areal die Skulptur während der Kunstausstellung stand. Eine Mehrheit von SPD, UWG und Grünen haben noch im Jahr 2007 für den Erhalt der Skulptur gestimmt – die Konservativen stellten sich trotz heftiger Kritik weiter auf stur. Auch der Freundeskreis Paul Wulf freute sich über die Entscheidung und sagte eine baldige Wiederaufstellung der Skulptur voraus. Dazu ist es bis heute aber nicht gekommen –dazu fehlt schlicht das Geld: „Es haben viele kleine Leute Geld gesammelt, aber die großen Sponsoren haben scheinbar alle Angst, es sich bei Unterstützung der Skulptur mit den CDU/FDP-Regierung zu verscherzen“, so Dr. Bernd Drücke vom Freundeskreis Paul Wulf. Über 30.000 Euro kostet das Kunstwerk – knapp über 10.000 Euro sind schon zusammengekommen. Der Rest soll auf einer Spendengala im Herbst gesammelt werden, so Drücke.

Michael Schulze von Glaßer

Literatur:
Im März 2007 gab der Freundeskreis Paul Wulf das Buch „Lebensunwert?“ über NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand, das sich mit den Schicksalen von Paul Wulf und dem Zwangspsychiatrisierten Paul Brune befasst heraus (208 Seiten; 14,90 EUR; ISBN 3-939045-05-5).

Weitere Informationen:
Ein Pressespiegel sowie zahlreiche Film-, Audio-, Bild- und Textdokumente zu den Themen „Münsters Geschichte von unten“ und Paul Wulf finden sich unter: www.uwz-archiv.de

Spendenkonto:
Förderverein Villa ten Hompel, Sparkasse Münsterland Ost, Kontonr. 33134, BLZ. 40050150, Stichwort „Paul Wulf“, Die Spenden sind steuerlich absetzbar.

Comments are closed.