Trauer um Nazis
Der 13. Februar: Geschichtsrevisionismus und Europas größter Neonazi-Aufmarsch
Dresden im Februar. Tausende Neonazis marschieren in Reih und Glied durch die Stadt. Sie tragen schwarze Fahnen und Transparente, auf denen steht: „Der Bombenholocaust lässt sich nicht widerlegen“, „Großvater, wir danken dir“ oder „Ehre, wem Ehre gebührt“.
Jedes Jahr wieder treffen sich Nazis aller Couleur in Dresden. Kameradschaften aus allen Regionen Deutschlands, Militante neben Konservativen, „Heimatvertriebene“ neben den sogenannten Autonomen Nationalist_innen, Frauen, Männer, Junge, Alte – vereint in ihrer aggressiven Absicht, die Geschichte zu verdrehen. Jedes Jahr aufs Neue findet um den 14. Februar in Dresden Europas größter Neonazi-Aufmarsch statt. Dabei inszenieren die Nazis mit Wagner-Musik und stumpfem Schweigen einen Trauermarsch, um den Toten der Bombenangriffe seitens der Alliierten im Zweiten Weltkrieg zu gedenken. Sie lassen keinen Zweifel daran: Für sie sind nicht die deutschen Nationalsozialist_innen, die 6 Millionen Jüdinnen und Juden systematisch und industriell ermordet haben, die hunderttausende politisch Andersdenkende, Homosexuelle, Behinderte, Sinti und Roma ermordet haben und die den Zweiten Weltkrieg begonnen haben, den „totalen Krieg“ ausgerufen haben und viele Städte, wie Warschau, Wielun, Rotterdam und Coventry dem Erdboden gleich gemacht haben, die Täter_innen, sondern die Alliierten. Jene, die, um das größte Verbrechen der Menschengeschichte zu beenden, Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland führen mussten und denen Deutschland die Befreiung vom Nationalsozialismus zu verdanken hat.
Doch nicht nur tausende unverbesserliche Neonazis inszenieren ihre Trauer, auch große Teile der Gesellschaft zeigen ihren Geschichtsrevisionismus (so nennt man eben diese Verdrehung der Geschichte) an diesem Tag deutlich. Viele Menschen aus der Dresdner Bevölkerung werden rund um den 14. Februar öffentliche Gedenkfeiern abhalten. Würde es sich hierbei lediglich um eine individuelle Trauer für Verstorbene und Angehörige handeln und der historische Kontext der Luftangriffe mitgedacht werden, dann wäre das auch vollkommen in Ordnung. Aber in Deutschland, das zeigt sich nicht nur in Dresden, gibt es einen weit verbreiteten nationalen Opfermythos, der geschichtsrevisionistisch und nationalistisch argumentiert. So wird auch bei den bürgerlichen Gedenkfeiern die singuläre deutsche Schuld relativiert, die Opferzahlen der Bomberangriffe ins Unermessliche erhöht, Bilder von der „unschuldigen Stadt Dresden“ konstruiert und die Gründe für den Angriff als nichtig dargestellt. Sie tun alles um zu verschleiern, was eigentlich klar ist: Wer Opfer und wer Täter_innen waren.
In den letzten Jahren haben sich in Dresden eine wachsende aktive Zivilgesellschaft und verschiedene antifaschistische Bündnisse entwickelt, die das nicht unkommentiert lassen wollen. Sie mobilisieren auch für 2010 wieder gegen den Neonazi-Aufmarsch und rufen dazu auf, gegen den Geschichtsrevisionismus aktiv zu werden. Gemeinsam wollen sie versuchen, den Naziaufmarsch mit Blockaden zu verhindern.
Christoph M.
Infos zu den Gegenaktivitäten: no-pasaran.mobi

