Anna, wasch ab, Arthur, bring den Müll runter!

Mrz 23rd, 2008 • Kategorie: April/Mai 2008, Sexismus und Geschlechterverhältnisse

Die Regierung hat es geschafft: Einführung und Förderung der „Elternzeit“ für das männliche Elter sowie der „Girl’s Day“ haben sämtliche Geschlechtsunterschiede nivelliert. „Frauen füllen Führungspositionen genauso gut wie Männer“, jubelt Ursula von der Leyen, Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Gewieft fragt sie LeserInnen ihres Rundbriefs zur Wanderausstellung „Rollenbilder im Wandel“, ob ihnen nicht der Verdacht erwachsen könne, „eine Frau sei unter Umständen nicht in der Lage die gleiche Leistung wie eine männliche Kraft zu bringen”; die Frage beantwortet sie selbst:

„Überkommene Rollenvorstellungen und gleichberechtigte Teilhabe sind schwer miteinander zu vereinen“ , so von der Leyen. Während der schwarze Teil der großen Koalition also noch mit den Nachwirkungen der Emanzipationswelle der 68er zu kämpfen hat, sieht die SPD bereits schwarz. Die einen wollen Frau-hinter-den-Herd-Ideale nicht aufgeben, die anderen können die Gleichstellung von Mann und Frau mit eben jenen nicht “vereinbaren”. Soweit die Geschlechterdebatte in der politischen Klasse.

Aufstand im sozialen Schlaraffenland

Warum das weibliche Geschlecht immer noch auf Maßnahmen zur Verbesserung der Situation pocht, scheint unklar. Schließlich haben es die Frauen so gut wie nie zuvor: Die Hälfte aller weiblichen Lohnabhängigen darf in einem Teilzeitarbeitsverhältnis Geld verdienen; dieses Privileg wird nur jedem zehnten Mann zu Teil. Die politisch korrekte Formulierung ”-innen” hat Einzug in die Begrüßungen derer gehalten, die seriös wirken möchten. Dass diese widerwillig vorgetragene, weil geschlechtergerechte Anrede oftmals mehr nach Parodie als aufgeklärtem Ernst klingt, ist nebensächlich. Flaute also auch am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit.

Phrasenbrei

Geschlechtsneutrale Ausdrücke wie “Memme” oder “Mimose” sind in der Alltagssprache – und vor allem in der Jugendsprache - durch ein “du Pussy” ersetzt worden. Angsthasen werden zu “Mädchen”, die weibliche Entsprechung des “Frauenhelds” ist die “Schlampe”. Dabei warnten SprachwissenschaftlerInnen wie Victor Klemperer schon vor Jahren davor, dass täglich benutzte Wendungen und Worte rückwirkend unser Denken beeinflussen. Ausdrücke, die Personengruppen – in diesem Fall Frauen und Mädchen – mit bestimmten Verhaltensweisen in Verbindung bringen, tragen nachhaltig dazu bei, bestimmte unbewusste Bilder aufzubauen und zu festigen. Düstere Lage also auch in der Kommunikation.

-ismus und Bestätigung

Die beschriebenen Phänomene lassen sich unter dem Begriff des “Sexismus” summieren. Dieser schwammig wirkende “-ismus” beinhaltet allerdings äußerst reale Missstände. Auf eine Satzlänge verdichtet werden bei sexistischen Handlungen Personen aufgrund ihres Geschlechts bevor- oder benachteiligt. Allerdings geht das, was in den Pool sexistischen Denkens und Handelns fällt, weit über einfache Benachteiligung oder Bevorzugung hinaus: Frauen, die lediglich zum Lustobjekt machohafter Begierde herabgestuft werden, sind ebenso Opfer sexistischer Riten wie Männer, denen nach einem Tränenausbruch in der Öffentlichkeit jeder Anspruch auf Respekt verwehrt wird. Bilder, die leider allzu oft aufgefrischt werden: Bücher wie “Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken” gehen tausendfach über den Ladentisch, Spezialistinnen wie Eva Hermann schütten neues Öl ins Feuer. Die Verantwortung für die Lösung des Problems wird allerdings oft abgegeben: MinisterInnen wie Ursula von der Leyen werden dem Problem schon Herr (!) werden. Doch das “Problem” ist nur in den krassesten Ausformungen ein greifbares. Die Wurzel liegt in erlernten und sozialisierten Denkweisen. Diese Stereotypen gilt es zu durchbrechen, falls Antisexismus nicht nur ein Wort bleiben soll. Also: Augen auf bei der nächsten auf herrlich-dämlichem Nährboden erwachsenen Konfliktsituation!

Hannes (18) lebt in der nordbayerischen Provinz. Wenn er nicht gerade in der 12. Klasse sitzt, reist er durch die “Republik” und was sich ihr in allen Himmelsrichtungen anschließt.