“Jede Wahrheit braucht eine Mutige, die sie ausspricht.“

Jan 23rd, 2008 • Kategorie: Februar/März 2008, Medien und Öffentlichkeit

Wenn Informationen zum Geschäft werden

Viele Medien beanspruchen für sich, objektiv, neutral, unabhängig oder überparteilich zu berichten. Aber eine Überparteilichkeit gibt es nicht. Medien machen Meinungen. Und kritische Positionen kommen dabei oft zu kurz.

In der Idealvorstellung sollen die Medien die Wirklichkeit abbilden, ausgeglichen über politische Streitfragen berichten und somit dazu beitragen, dass sich jede und jeder eine eigene Meinung bilden kann. Was „ausgeglichen“ heißt, ist dabei aber die Streitfrage. Wenn die Regierung ein neues Gesetz vorstellt, reicht es, wenn die Journalistin die Begründung für dieses Gesetz nennt? Müsste sie nicht auch über die Kritik der oppositionellen Parteien berichten? Oder über die Unterschriftensammlung von verschiedenen Basisgruppen gegen das Gesetz?

Die Medien filtern

Die Medien müssen also entscheiden, was sie für wichtig halten. Sie filtern die Wirklichkeit, wählen bestimmte Aspekte aus und schaffen eine neue Wirklichkeit der Medien, denn viele Menschen können sich nur durch die Medien ein Bild von der Wirklichkeit machen. Die politische Ausrichtung bestimmter Medien wird vor allem deutlich, wenn man sich die Auswahl der Themen ansieht: Es ist eben etwas anderes, ob man über die Kinderkrebsstudie an den Atomkraftwerken berichtet oder über eine neue Studie der Atomwirtschaft, wie viele Arbeitsplätze bei einem Ausstieg aus der Atomkraft wegfallen würden. Die Sprache vermittelt ebenfalls eine gewisse Deutung der Wirklichkeit: Ist vom „Afghanistan-Krieg“ die Rede oder heißt das nun „Afghanistan-Einsatz“?

Kritische Berichterstattung in den Mainstream-Medien wird oft durch wirtschaftliche Interessen verhindert. Dass über die Gefahren von Atomkraft, das Abholzen der Urwälder oder die fehlenden Aids-Medikamente in Afrika so wenig berichtet wird, liegt also daran, dass Unternehmen dadurch Gewinneinbußen zu befürchten haben. Dass sich wirtschaftliche Interessen auch bei der Medienberichterstattung durchsetzen, dafür sorgen zahlreiche Mechanismen.

Der Werbe-Kunde ist König

Viele Zeitungen verdienen ihr meistes Geld durch Anzeigen. Private Fernsehsender finanzieren sich sogar ausschließlich durch Werbung. Die Medien sind (zum größten Teil) kapitalistische Unternehmen, die Geld verdienen müssen, um auf dem Medien-Markt zu überleben. Daher sind sie abhängig von ihren Werbekunden. Und diese Werbekunden sind Großunternehmen, die Atomkraftwerke betreiben, die Urwälder abholzen oder Aids-Medikamente teuer verkaufen.

Der einfachste Mechanismus, wie ein Unternehmen Einfluss auf die Berichterstattung der Medien nimmt, ist das direkte Eingreifen. Eine Zeitung schreibt wie klimaschädlich das Fliegen ist und sofort schaltet sich das Flugunternehmen ein, das wöchentlich eine Anzeige schaltet. Entweder erscheint nie wieder so ein Artikel oder es erscheint nie wieder eine Anzeige des Unternehmens. Vielleicht merkt das Unternehmen auch nur an, dass der Artikel etwas übertrieben sei und die Zeitung versteht, dass sie sich in Zukunft mit der Kritik zurückhalten sollte um keine Werbeeinbußen zu erleiden. Vielleicht weiß der Chefredakteur auch vorher schon, dass das Flugunternehmen solche kritischen Berichte nicht gerne sieht und bearbeitet den Artikel so, dass die „schlimmsten Stellen“ rausgenommen werden. So etwas nennt man gemeinhin vorauseilenden Gehorsam oder Selbstzensur.

Ich kann schreiben, was ich will!“

Verdeckter aber mindestens genauso wirksam ist ein anderer Mechanismus. Viele Journalistinnen und Journalisten erzählen, dass sie solche Fälle direkter Einflussnahme durch Unternehmen kaum oder gar nicht kennen. „Ich kann schreiben, was ich will!“ Das mag richtig sein, allerdings wären sie niemals Journalist/in in einer höheren Position eines Mainstream-Mediums geworden, wenn sie zu kritisch berichten würden. Wer immer über die Gefahren der Atomkraft, die Abholzung des Urwalds und die überteuerten Preise der Aids-Medikamente in Afrika berichtet, der oder die wird nicht Chefredakteur/in in irgendwelchen Mainstream-Medien. Und er oder sie wird dort wahrscheinlich nicht einmal angestellt, weil die Berichterstattung „zu einseitig“ ist. „Zu einseitig“ in den Augen der Chefredaktuer/innen, die Meinungen vertreten, die sich an wirtschaftlichen Interessen nicht stoßen.

PR: Information und zugleich Manipulation

Der Einfluss wirtschaftlicher Interessen wird durch PR-Arbeit (P ublic R elation; Öffentlichkeitsarbeit) massiv erweitert. Jedes größere Unternehmen hat seine eigene PR-Abteilung, die Journalist/innen rundum mit „Informationen“ versorgt. Diese sogenannten Presseinformationen beinhalten oft wichtige Informationen, auf die Journalistinnen und Journalisten zurückgreifen. Die Presseinformationen sind aber immer auch von bestimmten Interessen gelenkt. PR-Arbeit machen nicht nur kapitalistische Unternehmen, auch der Staat und verschiedenste Organisationen versuchen so, die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Gegen Manipulationen durch PR-Artikel, also interessengeleitete Informationen, können sich viele Journalist/innen nicht wehren. Viele Redaktionen haben kaum Zeit, selbst zu recherchieren, viele Informationen sind nur über Presseinformationen erhältlich. In den USA arbeiten sogar mehr Menschen in der PR-Industrie als im Journalismus. Die Interessen derjenigen Verbände, die sich eine große PR-Abteilung leisten können, setzen sich somit viel eher durch. In der Regel sind das nicht die Umweltverbände, sondern staatliche Institutionen und Wirtschaftsunternehmen.

Dass PR-Arbeit noch mehr ist als das Schreiben von Presseinformationen hat der G8-Gipfel sehr deutlich gezeigt: Im „Internationalen Presse-Zentrum“ wurden die Medienvertreter/innen mit Werbegeschenken genauso gut versorgt wie mit Champagner und kostenlosen Massagen. Dass außerhalb der Hochsicherheits-Zone tausende Menschen demonstrieren, wurde so zur Nebensache.

Felix W.

Weiterführender Artikel:
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“Warum Mainstream-Medien Mainstream sind” von Noam Chomsky