Erbsenlesen zwischen stolzen Deutschen und deutschen Stolzen
Wir sind Papst. Wir sind Weltmeister der Herzen. Wir sind Exportweltmeister. Fast jedenfalls. Aber wer sind eigentlich „wir“? Patrioten, Nationalisten und sonstige Identifikationssuchende im erklärenden Vergleich.
Ihr erinnert euch? Dichter und Denker, die sich gegenseitig den lyrischen ’schland-Ball zuspielen; Autos, die hupend drei Farben im Wind wehen lassen. Und dazwischen: Ganz normale Deutsche. Herrlich.
Nicht nur Gelegenheit für in die Jahre gekommene Wilhelm II.-Fans ihre Freihandpolitik zu Freunden einzuladen, sondern auch für die Mitte, das von 12 Jahren unangenehmer Konsequenz korrumpierte „Deutschlandgefühl“ wieder zu entdecken. Partyotismus, quasi.
Dem Trend-Neologismus liegt der „Patriotismus“ zu Grunde. Die vom lateinischen „Vaterstadt, Vaterland“ abstammende Geisteshaltung hat wenig mit Eigenleistung zu tun; vielmehr sind Menschen, die sich als Patrioten bezeichnen, stolz auf ihre Heimat. Wie weit der Begriff „Heimat“ für den/die EinzelneN definiert ist, bleibt – wie auch anders – von Einzelfall zu Einzelfall verschieden.
Vom politischen Konzept der zufällig durch Geburt vergebenen „Nationaliätszugehörigkeit“ gehen andere Staatsfreunde aus. Sowohl diejenigen, die den Terminus „Nation“ in einer seiner abgeschwächteren Bedeutungen gebrauchen – nämlich zur Sammlung kultureller Entsprechungen -, als auch diejenigen, die der ethnisch-kulturell gebildeten „Nation“ extra einen eigenen Staat zusprechen. Unangenehmerweise sind das in den meisten Fällen auch diejenigen – man nennt sie auch Nationalisten - , die Menschen mit der falschen Ethnienprämisse schnell jegliches Lebensrecht im „Nationalstaat“ (oder auch der Volksgemeinschaft) absprechen.
Merke: Nicht alles, was „Nation“ in den Mund nimmt ist Unfug. Aber alles, was Unfug ist, nimmt „Nation, Staat und Volk“ in den Mund. Aber warum das Ganze, wird sich jetzt der eine oder die andere fragen. Nun, es ist so: Während der Mensch im Wachstum ist, sprich „erwachsen“ wird, sucht er Identifikationsmöglichkeiten – also Gruppen, mit denen er sich identifizieren kann. Die meisten Gruppen, denen man problemlos angehören kann, weisen allerdings ein entscheidendes Manko auf: Man müsste etwas leisten, um auf ein Ergebnis stolz sein zu können; warum es da nicht einfacher halten und sich der Gruppe zurechnen, die man zwar weder kennt noch kennen kann, aber von Geburt an angehört – der Nation? Übrigens: Über dieses identitäre Verhalten ist der Mensch für gewöhnlich mit Ende der Pubertät „er-wachsen“. Seltsam, dass einige dieses Verhalten ihr ganzes Leben lang zeigen.
Wir folgern: Nicht alle stolzen Faulen sind deutsch, aber alle stolzen Deutschen sind faul.
Interessant mutet es auch immer wieder an, wenn sich ein Vertreter der politischen Klasse wieder selbst ins Abseits manövriert hat; beispielsweise mit Knallern wie „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein.“ Nicht nur, dass damit das Polit-Klischee der Faulheit erfüllt wäre (Beweisführung siehe oben), sondern auch eine Kiste wieder ausgegraben wird, die eigentlich schon anfangen sollte, zu verwesen: Der ewig-verzweifelte Versuch „gestandener Patrioten“, sich von den „bösen, bösen Nationalisten“ zu distanzieren. Dumm, dass zwischen Patrioten und Nationalisten hinsichtlich ihrer Anfeindungen gegenüber Fremden kein Unterschied besteht. Wissenschaftlich belegt, haben das Studien zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Zu studieren gab es für die Polizei nach der WM auch etwas, nämlich den Stolz auf das eigene Land in der Praxis: Einen signifikanten Anstieg fremdenfeindlicher Übergriffe.
Hannes P.

