¡Tierra y Libertad!: Land und Freiheit!

Nov 16th, 2007 • Kategorie: Globalisierung und Internationales, Herbst 2007

Gut dreizehn Jahre ist es her, dass in Chiapas, einem der ärmsten Bundesstaaten Mexikos, eine Gruppe von bewaffneten Indigenen gegen die Regierung aufstand und „¡Ya Basta!“ (Es Reicht!) schrie. Die Aufständigen, die sich Zapatistas nennen, besetzten Städte und Ländereien und versuchen seitdem autonome Strukturen aufzubauen.

Zwar bezeichnen sich die Zapatistas selber nicht als anarchistisch, der klare Bezug auf den mexikanischen Anarchisten Ricardo Flores Magon, von dem die Parole „¡Tierra y Libertad!“ stammt, sowie die Tatsache, dass die EZLN, die Guerilla der Bewegung, nach ihrem Selbstverständnis nicht die Staatsmacht erlangen will, zeigen jedoch eine anarchistische Beeinflussung.

Aber was ist Anarchismus überhaupt? Übersetzt bedeutet Anarchie die Abwesenheit von Herrschaft. Herrschaft wird oft als Durchsetzen des Willens gegen den Widerstand anderer bezeichnet. AnarchistInnen streben also eine Welt an, in der niemand etwas gegen den Widerstand anderer durchsetzt. In dieser Welt gibt es demnach keine Regierungen und Staaten mehr und Entscheidungen werden im Konsens mittels der „freien Vereinbarung“ getroffen.

In den Schriften der Zapatistas findet man keine Aussagen, die jeden Staat klar ablehnen. Zudem gibt es in den fünf autonomen Regionen jeweils einen „Rat der Guten Regierung“ (in Abgrenzung zur „schlechten Regierung“ des mexikanischen Staates). Diese „Räte der guten Regierung“ scheinen zunächst einen Widerspruch zu anarchistischen Ideen darzustellen, da Regierungen stets mit Herrschaft verbunden sind.Das „Regieren“ der Zapatistas wird jedoch von einigen auch als „eine Umsetzung der Wünsche der Bevölkerung, also ein ‚gehorchendes‘ Organisieren“ bezeichnet.

Tatsächlich haben die Räte der guten Regierung meist organisatorische Aufgaben. Es ist aber auch von der „Überwachung der Einhaltung von Gesetzen, die nach gemeinsamer Absprache mit den Gemeinden in den rebellischen Landkreisen gelten“, die Rede.Diese Aufgabe ist typisch für Staaten, allerdings ist bei den Zapatistas mit „Überwachung“ nicht unbedingt die gewaltsame Durchsetzung der Gesetze gemeint. Dazu fehlt den Räten der guten Regierung die Exekutive. Es gibt keine Polizei oder Armee, die für die Einhaltung der Gesetze sorgt.

In einzelnen Gemeinden haben die kommunalen Räte jedoch ein Gewaltmonopol und verhängen Strafen wie zum Beispiel Haft oder Ausschluss aus der Gemeinde.

Der parlamentarischen „Demokratie“ der meisten Staaten stellen die Zapatistas ein Rätesystem sowie basisdemokratische Mittel wie das imperative Mandat gegenüber, für das das zapatistische Motto „gehorchend regieren“ bezeichnend ist.

Entscheidungen werden oft im Konsens getroffen. Dies ist zunächst positiv, jedoch wird es problematisch, wenn alle Veränderungen zwingend im Konsens beschlossen werden. Kollektive Entscheidungen sind zwar notwendig, Menschen werden aber nie in der Lage sein, alle Entscheidungen zwecksrational zu treffen, weshalb es immer Meinungsverschiedenheiten geben wird. Es gibt keinen Konsens, und somit auch keine Entscheidung. Keine Entscheidung? „Keine Entscheidung“ ist jedoch auch eine Entscheidung! Wenn kein Konsens gefunden wird, wird entschieden, dass alles so bleibt, wie es ist. Teilweise sogar gegen den Willen der Mehrheit.

Kommt also kein Konsens zustande, sind Mehrheitsentscheidungen gegen den Willen von Minderheiten zwingend notwenig. Diese sind zwar nicht herrschaftsfrei, ermöglichen jedoch die größtmögliche Freiheit.

Das Argument, das sonst so häufig gegen Konsensverfahren, Anarchismus sowie andere Utopien angeführt wird („Der Mensch ist doch von Natur aus egoistisch“), ist natürlich Schwachsinn, was die Zapatistas auf einzigartige Art und Weise beweisen:

In den Gemeinden wird gemeinschaftlich und solidarisch gearbeitet, gelebt und gekämpft – für Land und Freiheit!

David

Dieser Artikel basiert auf einer Facharbeit im Fach Philosophie, zu finden hier .