Sie kommen um dich zu holen!
Nov 13th, 2007 • Kategorie: Herbst 2007, Militär und KriegDie deutsche Armee im Reklameeinsatz
Partys, DJ’s, Live-Musik. Tagsüber konnten sich die Jugendlichen beim Beachsoccer und Beachvolleyball austoben. 80 Mannschaften aus ganz Deutschland sind Anfang Juni zum „Teamsport-Event“ ins westfälische Warendorf gekommen. Über 500 junge Menschen kickten und pritschten sich durch die Ausscheidungswettkämpfe bis ins Finale.
Was sich anhört wie eine spannende Ferienfreizeit ist in Wirklichkeit Bestandteil einer neuen Strategie der Bundeswehr um RekrutInnen für die Armee anzuwerben. Deswegen durften auch nur Deutsche mitmachen. Das Finale des Beachsoccer und Beachvolleyball Turniers fand nicht auf einer zivilen Sportanlage statt, sondern auf dem Gelände der Bundeswehr-Sportschule Warendorf. Auch die Ausscheidungswettkämpfe fanden in Bundeswehr-Kasernen in München und Wilhelmshaven statt. Die jungen SportlerInnen konnten sich in den Wettkampfpausen die neusten Militärfahrzeuge angucken oder sich gleich bei der Armee verpflichten. Selbst die Modeschau war nicht normal – es wurden die neusten olivgrünen Tarnanzüge präsentiert. Das „BW-Beachen’07“ stand wie jedes Jahr unter der Schirmherrschaft des deutschen Kriegsministers und war nur zu Rekrutierungszwecken initiiert worden.
Der Bundeswehr laufen die Leute davon: nur noch 15 Prozent der jungen Männer im wehrfähigen Alter gehen zur Armee, immer mehr verweigern den Zwangsdienst an der Waffe. Zu viele Jugendliche sind nur „bedingt tauglich“. Damit es der Armee nicht an Elite-SoldatInnen mangelt, versucht sie immer mehr Schulen, Arbeitsagenturen und Marktplätze zu erobern oder stellt, wie im Falle des „BW-Beachen“, gleich ein ganzen Sportturnier auf die Beine. Nebenbei verankert sich die Armee so immer weiter in der Zivilgesellschaft und hofft auf Akzeptanz. Für Jugendliche eine gefährliche Falle.
Kritik wird bei den Anwerbungsversuchen ausgeblendet. Kein Wort über die Gefahren bei Einsätzen auf der „Jugend-Site“ der Bundeswehr im Internet. Stattdessen wird für die Technik begeistert – Panzer, Kampfflugzeuge und andere Waffen können auf der Homepage mit Angaben wie Geschwindigkeit, Feuerkraft und Bewaffnung wie bei einem Kartenspiel gesammelt werden. Das Multimedia-Angebot der Bundeswehr reicht auf der kunterbunten Seite vom Download von Handy-Logos über Gewinnspiele bis hin zu kleinen Onlinespielen. Wer in der „Community“ der Bundeswehr-Homepage Mitglied werden möchte, muss bei der Registrierung auch hier seine Staatsangehörigkeit angeben. Nach der derzeitigen Tätigkeit und dem Schulabschluss wird ebenfalls gefragt. Die Online-Jagd auf neue RekrutInnen hat begonnen!
Nicht nur im Internet sondern auch auf dem Land fährt die Bundeswehr schwere Geschütze auf. Mit einem großen „Karrieretruck“ reist die Armee durch Deutschland um nach eigenen Angaben über die „Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten bei der Bundeswehr zu informieren“. Dazu werden auch immer andere Militäreinheiten hinzugezogen. Neben Panzern gibt es bei diesen Reklameeinsätzen auch einen „Kinotruck“, eine Kletterwand und eine mobile Bühne – auch hier werden junge Leute über ihre Technikbegeisterung von der Armee geködert. Die olivgrünen Häscher haben sich für dieses Jahr rund 600 solcher Rekrutierungsmissionen vorgenommen.
Auch Schulen bleiben nicht verschont. Immer öfters kommen so genannte Wehrdienstberater in die Klassenzimmer um für die Armee zu werben – jährlich veranstaltet die Bundeswehr über 14.000 solcher Schulbesuche und Vorträge für junge Menschen. Das mensch bei der Bundeswehr zum Morden ausgebildet wird und auf Befehl töten muss, wird verschwiegen.
In Zeiten hoher Jugendarbeitslosigkeit werden 60 Prozent der jährlichen RekrutInnen über solche Reklameeinsätze gewonnen. Vor allem in Arbeitsagenturen soll die Erfolgsquote sehr hoch sein. Dabei wissen die Menschen oft nicht, was auf sie zukommt.
Als erstes lernen die neuen RekrutInnen sich unterzuordnen – wenn ein ranghöherer Soldat etwas sagt, haben die Untertanen diesen Befehlen zu gehorchen.
Gewaltsame Übergriffe von Vorgesetzen und MitsoldatInnen, Demütigungen, sexuelle Belästigungen, Beleidigungen und Quälereien sind keine Einzelfälle in der Armee. Im Frühjahr 2007 wurde bekannt, dass 18 Bundeswehrausbilder die RekrutInnen unter anderem mit Elektroschocks gequält haben und so eine „Geiselbefreiung“ spielen wollten. Wie viele Fälle nicht an die Öffentlichkeit kommen, ist unbekannt.
Frauen und Homosexuelle sind beim Militär Diskriminierungen ausgesetzt und werden von den anderen Soldaten oft als Menschen zweiter Klasse drangsaliert.
Auch wegen Skandalen mit rechtsextremistischem Hintergrund kommt die Bundeswehr immer wieder in die Negativ-Schlagzeilen. Der unterschwellige Rechtsextremismus in der Armee ist bekannt, so sieht sich die Bundeswehr auch offiziell immer noch in der Tradition der Wehrmacht.
Dass die Bundeswehr eben keine Ferienfreizeit ist geht auch aus internen Umfragen hervor. Im April 2007 wurden 45.000 SoldatInnen der Bundeswehr die Frage gestellt ob Sie den Dienst an der Waffe weiterempfehlen würden – 73,8 Prozent antworteten mit NEIN!
von Michael Schulze von Glaßer



