Was ist Anarchie?
Nov 16th, 2007 • Kategorie: Anarchie und Alternativen, Herbst 2007Fragte mich ein Junge im Bus, mit Blick auf mein Buch: „Anarchie!“
„Anarchie ist“ fing ich zögernd an, „wenn die Schüler und Schülerinnen merken, dass sie in der Schule nur Blödsinn lernen, den sie gar nicht wissen wollen. Wenn sie sich überlegen, was sie stattdessen lernen wollen, die Lehrer und Lehrerinnen nach Hause schicken und den Laden selbst in die Hand nehmen.“ Der Junge guckte mich mit großen Augen an: „Ey, Anarchie ist voll der Burner!“
Zugegeben, ganz so einfach ist das mit der Anarchie auch nicht. Grundlegend ist der Gedanke, dass man sich nicht von anderen vorschreiben lassen will, wie man zu leben hat und mit Gewaltmaßnahmen bedroht wird, wenn man sich nicht an die von oben vorgegebenen Regeln hält. Stattdessen wollen Anarchisten und Anarchistinnen selber gemeinsam beraten, welche Regeln es in einer Gemeinschaft geben soll, wie man mit Leuten umgeht, die sich nicht daran halten und wie man zusammen, also kollektiv, die Sachen herstellt, die man zum Leben braucht. Um niemanden zu unterdrücken, misshandeln oder zu diskriminieren werden Beschlüsse möglichst im Konsens gefasst. Das heißt, dass ein Vorschlag nicht umgesetzt wird, wenn auch nur ein einziger oder eine einzige gegen diesen Vorschlag ist.
Man nennt das auch Basisdemokratie, weil man nicht, wie in einer parlamentarischen Demokratie jemanden für vier Jahre wählt, sondern einem Vertreter oder einer Vertreterin nur solange die Stimme leiht, bis man mit seiner oder ihrer Arbeit nicht mehr zufrieden ist. Das kann jeden Tag der Fall sein. Dadurch wird die Basis, also die Wähler und Wählerinnen einer Gemeinschaft, gestärkt und es kann nicht dazu kommen, dass Politiker und Politikerinnen Gesetze machen, mit denen die Bevölkerung nicht einverstanden ist.
Die Grundsätze des Anarchismus sind auch niemals vereinbar mit Gewalt, Sexismus, Rassismus, Faschismus und anderen Ideologien, die bestimmte Menschen als minderwertig betrachten. Auch der Kapitalismus ist eine Ordnung, die Anarchisten und Anarchistinnen ablehnen, weil sie darauf beruht, dass sich einige Wenige auf Kosten der armen Mehrheit bereichern.
Der Anarchismus ist für eine Wirtschaftsordnung, in der gemeinschaftlich-solidarisch gearbeitet wird. Das heißt, es gibt keinen Chef, der sich an einem Unternehmen bereichert, während die anderen malochen. Sondern der Gewinn wird unter allen Arbeitern und Arbeiterinnen aufgeteilt. Solche Projekte gibt es bereits jetzt: Das kollektive Unternehmen Café Libertad kauft von den Zapatistas1 aus Mexiko Kaffee (fair und ökologisch!) um ihn hier in Deutschland wieder zu verkaufen.
Und was machen Anarchisten und Anarchistinnen den lieben langen Tag? Sie diskutieren über die verschiedensten Themen, sie demonstrieren gegen die Ungleichheit und die Herrschaft auf dieser Welt, sie planen lustige und kreative Aktionen und die Musik darf dabei natürlich nicht fehlen. Denn wie die Anarchistin Emma Goldmann sagte: „Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution!“
- Die Bewegung der Zapatistas kämpft in Mexiko für die Rechte der unterdrückten indigenen Bevölkerung. Entscheidungen werden möglichst basisdemokratisch gefällt. [↩]



