Den Müll bitte sauber trennen!
Staat und Kirche kleben aneinander wie Kaugummi
Mit der französischen Revolution von 1789 wurde erstmals die Trennung von Staat und Kirche öffentlich eingefordert. Seit 1905 ist Frankreich, zumindest auf dem Papier, ein „laizistischer Staat“. Die Bürger_innen können selbst entscheiden, ob und welcher Religion sie angehören wollen, der Staat selbst jedoch hat sich weltanschaulich neutral zu geben.
Seit langem ergänzen sich Staat und Kirche hervorragend. Dem Staat als Inhaber des öffentlichen Gewaltmonopols über seine Bürger_innen und alle anderen, die auf seinem Gebiet weilen, ist die Kirche sehr nützlich. Mit Bezug auf göttliche Vorgaben lassen sich die Menschen eher in ihrem Verhalten beeinflussen, und den Vertretern der Kirchen vertrauen sie ihre Sorgen und Nöte an. So können Staat und Kirche gemeinsam eine riesige Autorität entwickeln und helfen sich gegenseitig, die Menschen zu gefügigen, unfreien und gebundenen Wesen zu machen. Sie sind zwei Institutionen, die niemand braucht und an die dennoch alle mehr oder weniger gebunden sind.
Hinkende Trennung
In Deutschland besteht laut Weimarer Reichsverfassung bzw. Grundgesetz seit 1919 keine Staatskirche mehr. Dennoch ist es kein laizistischer, sondern höchstens ein säkularisierter Staat. Denn die Trennung ist eine „hinkende“: Die Religion und ihre Ausübung ist in Deutschland nicht Privatsache, sondern durchaus öffentlich – und ihre Organisation geschieht in enger Zusammenarbeit mit dem Staat.
Beispielsweise treibt der Staat die Kirchensteuer ein, Religion ist in den meisten Bundesländern ein normales Lehrfach in der Schule, staatliche Universitäten haben theologische Fakultäten, manche Politiker_innen und andere Beamte hängen ihrem Amtseid die Formel „so wahr mir Gott helfe“ an, christliche Feiertage sind besonders geschützt, und in manchen öffentlichen Gebäuden hängen Kreuze oder andere Symbole des christlichen Glaubens. Hierin offenbart sich auch die Vorherrschaft der beiden großen christlichen Kirchen: Sobald das Symbol einer anderen Religion, beispielhaft das Kopftuch einer muslimischen Lehrerin, in öffentlichen bzw. staatlichen Räumen gezeigt wird, ist der Aufschrei groß – während die Beeinflussung durch christliche Symbolik überwiegend akzeptiert oder gebilligt wird. Somit ist Religion nicht Privatsache, sondern dauerpräsent und staatlich gefördert, ungeachtet ihrer blutigen Geschichte von der Hexenverbrennung über die Kreuzzüge bis zur NS-Zeit.
Imaginäre Autoritäten dienen der Machtsicherung
Religionen bemühen vorgestellte Autoritäten, die angeblich über Wohl und Wehe der Menschen entscheiden. Von angeblichen „Vertretern Gottes auf Erden“ werden Verhaltensregeln aufgestellt, die logischen Verhaltensmustern häufig zuwiderlaufen und Unterwerfung einfordern, sinnlose Mühen und nicht selten Leiden bedeuten. Das Versprechen ist überall das gleiche: Nach dem Tod sollen die braven Diener_innen in eine Art Paradies gelangen, in welchem jegliches Leid beendet sein wird. Die staatlichen Autoritäten sind greifbarer, die von ihm vorgegebenen Regeln auch: Wer ihnen zuwider handelt, wird schon auf Erden bestraft und nicht erst im Jenseits.
Trotz der Verpflichtung des Staates zu religiöser und weltanschaulicher Neutralität werden Religionsgemeinschaften und Kirchen Privilegien und Sonderstellungen gewährt, die unabhängigen Einrichtungen, beispielsweise in der Kinder- und Jugendarbeit, eine Etablierung oft stark erschweren. Mit dem Abbau des Sozialstaates, wie er auch von der neuen Regierung zu befürchten ist, wird die Fürsorge für Schwache und Bedürftige wohl auch wieder vermehrt in die Hände der Kirchen gelegt. Dabei darf eine menschenwürdige Existenz nicht von der Zugehörigkeit zu einem Glauben abhängen.
In einer aufgeklärten, vernunftbasierten Gemeinschaft, die auf freiwilligen Zusammenschlüssen beruht, werden jedoch weder geistliche, noch weltliche Autoritäten benötigt. Solange sie jedoch noch nicht auf dem Abfallberg der Geschichte gelandet sind, gilt es, den Müll sauber zu trennen – nicht zuletzt, weil dadurch eine Schwächung der beiden Institutionen zu erwarten ist.
Ani K.







