Die Atomkraft wird in Europa massiv gefördert – von Ländern, die eigentlich gegen Atomkraft sind.
Pleiten, Pech und Pannen? Die Serie von Unfällen in norddeutschen Atomkraftwerken hat voll ins Sommerloch eingeschlagen. In der Öffentlichkeit wurde über Störfälle diskutiert, die normalerweise in den Akten der Ministerien verschwinden. Beim Energiekonzern Vattenfall machte sich das auch prompt in der Unternehmensbilanz bemerkbar: In Tausenden strömten die Kunden zu Ökostrom-Anbietern.
Dabei sollte das Jahr 2007 für die Atomindustrie eigentlich ein Grund zum Feiern sein.
Im Frühjahr jährte sich nämlich der Vertrag zur Gründung einer Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) zum fünfzigsten Mal. Noch immer wird die Atomkraft mit Milliarden-Beträgen gefördert, obwohl nur noch wenige EU-Länder auf Atomkraft setzen. Sechs Länder wollen aussteigen, zehn haben erst gar keine Atomkraftwerke. Dennoch steht der Ausstieg aus Euratom weiterhin aus.
Die Europäische Atomgemeinschaft wurde 1957 gegründet - in Zeiten, als Atomkraft noch als umweltfreundlich galt. Ziel war die „schnelle Bildung und Entwicklung von Kernindustrien“. Bis heute besitzt Euratom einen eigenen Rechtsstatus, gehört also nicht direkt zur EU und ist demokratischer Kontrolle entzogen. Die Aufgaben werden trotzdem von verschiedensten Organen der EU wahrgenommen.
Forschungsförderung à la EU
So wurden bislang ca. 3,4 Mrd. Euro an Krediten vorwiegend für den Bau von Atomkraftwerken vergeben. Im Forschungsrahmenprogramm der EU wird Euratom ebenfalls gut bedacht: Bis zum Jahr 2011 soll für die Kern-Forschung 2,5 Mrd. zur Verfügung gestellt werden, das ist mehr als der gesamte restliche Energie-Bereich bis 2013 erhalten soll. Das Geld für Euratom fließt nicht nur in die Kernspaltung, das ist die Technologie der Atomkraftwerke. Hauptsächlich fließt das Geld in Forschungsvorhaben zur Kernfusion, einer neuen Technologie, die zwar ähnlich, aber nicht genauso funktioniert. Diese ist vor allem deswegen umstritten, weil unklar ist, ob sie jemals eine Rolle in der Stromversorgung spielen wird. Experten gehen davon aus, dass es noch mindestens 50 Jahre dauern wird, bis aus Kernfusion Energie gewonnen werden kann.
Die Internationale Energieagentur hat 2005 Zahlen veröffentlicht, denen zu Folge 40% der Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Energie-Bereich in die Atomkraft-Sparte fließen. Trotzdem lässt der Boom an neuen Atomkraftwerken auf sich warten.
Renaissance der Atomkraft?
Nach Angaben der „World Nuclear Association“ sind weltweit 34 Reaktoren im Bau. Einige sind jedoch schon seit vielen Jahren „im Bau“, deshalb zweifeln Umweltschützer/innen an, ob sie jemals fertiggestellt werden. In Europa sind „nur“ zwei neue Reaktoren geplant: In Frankreich und in Finnland. Der Europäische Druckwasserreaktor in Flamanville (Frankreich) dient in erster Linie dazu, die technischen Kompetenzen auf dem Gebiet der Kernspaltung zu erhalten. In Finnland verzögert sich der Bau des Atomkraftwerks immer wieder.
Energie und Elektrizität
Neben der „Renaissance der Atomkraft“ muss auch die Mär von der CO2 -freien Atomkraft als Rechtfertigungsgrund für die Atom-Subventionen dienen. Dafür hat das Europäische Atomforum sogar eine eigene Broschüre herausgegeben. Dort wird vorgerechnet, wie viel CO2 durch Atomkraft in Europa eingespart werde: 700 Mio. Tonnen pro Jahr. Natürlich nur, wenn angenommen wird, der Strom würde andernfalls durch fossile Energieträger gewonnen. In der Broschüre fällt eine Grafik sofort ins Auge: Sie zeigt, dass Atomkraft im Jahr 2002 32% des Stroms in der EU erzeugte. Auch wenn in der Grafik allgemein von Energie („Power“) die Rede ist, zeigt die Grafik den Anteil an der Elektrizität sversorgung. Wenn man den Anteil der Atomkraft an der Gesamt-Energieversorgung (Energie ist mehr als nur Elektrizität) betrachtet, schneidet die Atomindustrie nämlich nicht mehr so gut ab: Zahlen der Europäischen Kommissionen aus dem Jahr 2004 ergeben einen Anteil von 6,2%.
„Klimaschützer der Woche“
Weltweit ist die Bedeutung der Atomkraft noch geringer: Laut Internationaler Energieagentur wird durch Atomkraft knapp 2,5% des weltweiten Energieverbrauchs gedeckt.
Dementsprechend ist bei einem Ausbau oder einem Ausstieg aus der Atomkraft kaum zu erwarten, dass sich die CO2 -Emissionen wesentlich verändern werden.
Wer plakativ mit „CO2 -Ausstoß: Null“ wirbt, blendet zudem sämtliche Prozesse aus, die mit der Atomkraft verbunden sind: Von dem Uranabbau über die Anreicherung bis hin zur Endlagerung. Wird dies mit eingerechnet, so zeigt sich, dass Atomkraft keinesfalls CO2 -frei ist. Nach einer Studie im Auftrag des Bundesumweltministeriums können sogar Gas-Blockheizkraftwerke bei den CO2 -Emissionen mit der Atomkraft mithalten, wird die gewonnene Wärme der Blockheizkraftwerke in die Rechnung mit einbezogen.
Dass die deutsche Atomlobby die Atomkraft als „Klimaschützer Nr. 1“ betitelt, wäre eigentlich ein Grund zu lachen. Diente dies nicht dazu, dass die deutschen Atomkraftwerke länger am Netz bleiben sollen.
Die Gewinne sprudeln weiter
Bei einer Laufzeitverlängerung von vereinbarten 32 Jahren auf 45 Jahre, winken Schätzungen zu Folge zusätzliche Gewinne in Höhe von 30 Mrd. Euro. Dafür ist der Atomlobby jede Werbekampagne recht.
Und: Solange die Atomkraftwerke weiterlaufen; solange über Euratom die Atomkraft massiv gefördert wird; solange die Länder, die aus der Atomkraft aussteigen wollen, nichts dafür machen - solange kann die Atomindustrie auch weiterhin Gewinne machen.
Felix W.

