Sie organisiert den Hunger der Welt

Die Weltbank wirbt für eine Welt ohne Armut. Dabei finanziert sie Projekte, die immer wieder in die Kritik geraten.

Interview mit Knud Vöcking.

utopia : Die Weltbank hat sich den Slogan „Arbeiten für eine Welt ohne Armut“ zugelegt. Was hältst du davon?

Knud Vöcking : Der Slogan ist gut. Allerdings steckt da wenig Wahrheit hinter. Vieles was die Weltbank macht, hat mehr Armut zur Folge.

Aber die Weltbank wurde doch gegründet, um beim Wiederaufbau zu helfen…

Das stimmt. Die Weltbank wurde 1944 gegründet, um nach Ende des Zweiten Weltkrieges Hilfe zum Wiederaufbau zu leisten. Mit der Entkolonialisierung in den 50er und 60er Jahren wandelte sie sich jedoch zum Finanzierungsinstrument für die Entwicklungshilfe.

Das hört sich ja gar nicht so schlecht an. Trotzdem bist du ein Kritiker der Weltbank – warum?

Die Bank ist in ihren Entscheidungsstrukturen von den Industrieländern dominiert. Es gilt One Dollar – One Vote. Der Einfluss der Länder des Südens ist minimal. Zudem herrscht in allem, was die Weltbank macht, die neoliberale Ideologie vor: Privatisierung, Öffnung der Märkte, Reduzierung von Sozial- und Bildungsausgaben waren lange Zeit die Grundvoraussetzung für Entwicklungsländer, um überhaupt Geld zu bekommen. Die Bank mischte sich massiv in die Ausgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft der Nehmerländer ein. Außerdem hat die Bank immer wieder Großprojekte finanziert, die Vertreibung von Menschen von ihrem Land, massive Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen aller Art zur Folge hatten.

An welchen umstrittenen Projekten arbeitet die Weltbank zurzeit?

Ich will nur zwei nennen: die Westafrika Gaspipeline (WAGP) und die Wiederaufbauprogramme in der Demokratischen Republik Kongo.

Welche Kritik übt ihr an den Projekten?

Bei der WAGP geht es unter anderem um das nicht eingehaltene Versprechen, mit der Pipeline für eine Verminderung des Abfackelns von Gas im Nigerdelta zu sorgen. Mit dem Abfackeln wird täglich so viel Energie verplempert, wie nötig wäre um die Hälfte des afrikanischen Energiebedarfs zu decken. Die Bevölkerung entlang der Pipelinetrasse wird nicht ausreichend entschädigt für Land, das ihnen genommen wird.

Im Fall der DR Kongo wird bei der Privatisierung der staatlichen Bergbaugesellschaft das Vermögen verschleudert. Bei der Entwicklung der Forstwirtschaft – immerhin geht es um das zweitgrößte Regenwaldgebiet nach dem Amazonasbecken – hat die Weltbank außer Acht gelassen, dass Millionen von Kongolesen ihren Lebensunterhalt im und vom Wald beziehen. Die Existenz von Hunderttausenden von eingeborenen Pygmäen im Wald hat sie schlicht ignoriert.

Was macht ihr dagegen und wie schafft ihr es von Deutschland aus der betroffenen Bevölkerung zu helfen?

Wir versuchen vor allem, Entscheidungsträger wie Abgeordnete, Ministerialbeamte, Bankmanager etc. davon zu überzeugen, ökologisch und sozial verantwortlich zu handeln. In enger Kooperation mit Organisationen und Betroffenen aus dem Globalen Süden schreiben wir Briefe, machen Email-Kampagnen, besuchen Politiker und Minister. Wir nutzen die gesamte Breite zivilgesellschaftlichen Engagements. Außerdem nutzen wir internationale Kooperation von NGOs (Non-Governmental Organization). Da sind wir globalisiert wie sonst kaum jemand. Mit öffentlichem Druck durch Presse, Demos, Aktionen etc. kann man schon die weiche Stelle finden.

Habt ihr bei euren Kampagnen gegen Projekte der Weltbank Erfolg?

Erfolg ist immer eine Frage der Erwartung. In einigen Projekten haben wir substanzielle Verbesserungen wie z.B. deutlich höhere Entschädigungen für Enteignungen erreicht. Wir haben es geschafft, dass der Bundestag über Themen debattieren musste, die sonst einfach durchgewunken worden wären. Beim Atomkraftwerk Belene in Bulgarien haben wir die gesamte Finanzierung durch Privatbanken torpediert. Auch kleine Veränderungen, manchmal nur das Setzen von Themen können ein Erfolg sein, der den Betroffenen hilft.

Interview: Michael Schulze von Glaßer

Knud Vöcking arbeitet bei der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald und ist dort für den Bereich „Weltbank“ zuständig. Er hat mitgeschrieben am Buch „Vorsicht: Weltbank“. Dieses ist im April 2007 im VSA-Verlag erschienen (11,80 Euro).