Eine neue Chance für mehr Grips

Im Juni, als es warm war, waren in vielen Städten beim bundesweiten Bildungsstreik Menschen auf der Straße. Sie alle verband das Gefühl, dass Bildung anders gestaltet sein muss, als es momentan der Fall ist. Haben diese Proteste aber eine Chance auf Erfolg und somit eine Zukunft?

Eine ganze unpolitische Generation soll sich im Juni diesen Jahres politisiert haben. Vor dem Bildungsstreik hieß es in den Mainstream-Medien über “die Jugend von heute” häufig, sie bestünde aus eiskalten EgoistInnen und “KarrieristInnen”. Dies sei aber auch kein Wunder, weil unter anderem verschärfte ökonomische Zwänge dafür sorgten, dass gerade die jungen Menschen um die Chance, einmal einen Arbeitsplatz bangen müssten. Protest und Rebellion wurden zu etwas Pubertärem, das sich erwachsene, ernste Leute nicht leisten können. Die Jugendlichen wurden – vielleicht als erste Generation der Geschichte – “vernünftig” genannt.

“Neue” Bewegung?!

Die Meldung, dass sich dieser selige Ruhezustand im Juni 2009 plötzlich veränderte, ist falsch. Sie kommt von Menschen, die die Schulstreiks in den Vorjahren nicht bemerkt haben, weil sie auf Massenevents warteten. Die Wahrheit ist, dass es unter der Decke der konservativen Presse und Öffentlichkeit durchweg rumorte. Im Sommer fielen mit dem bundesweiten Bildungsstreik 2009 einige Gegebenheiten günstig zusammen. Die streikerfahrenen SchülerInnen der Vorjahre kamen an die Unis, die SchülerInnen machten weiter und die Studierenden entdeckten die Chance, ihre Anliegen jenseits der Abschaffung von Studiengebühren an die Öffentlichkeit zu tragen. Gleichzeitig gab es mit der Konkretisierung der Bologna-Richtlinien, dem EU-weiten Rahmenvertrag über die Ausrichtung von Universitäten, für Unternehmen und Parteien einen Grund, Diskussionen zu führen. Bologna wurde als Schnellschuss verurteilt.
Dann kam der Sommer, und so viele Menschen wie schon lange nicht mehr riefen: „Wir machen nicht mehr mit! Wir streiken!“

Und tatsächlich: Die Diskussion über den Zustand des Bildungssystems hat sich verändert. Mittlerweile meinen sogar CDU/CSU und SPD, die bestehende Situation müsse rasant und maßgeblich geändert werden. Diejenigen, die auf ein Massenphänomen gewartet hatten, prognostizierten ein neues ’68, eine neue Studierendenbewegung.
Tatsächlich ist bei den Protestierenden der große Enthusiasmus des Sommers abgeflaut. Ein Grund dafür könnte sein, dass zu wenig inhaltliche Auseinandersetzung mit den Themen stattfand.

Die Welt verändern

Im Winter steht wieder ein „Bildungsstreik“ an. Eine weitere Chance für die Menschen, im Bildungssystem die Lage zu ihren Gunsten zu ändern; zu zeigen, dass Bildung Grundvoraussetzung für Freiheit und damit ein Gut für sich ist. Ob ihnen das gelingt, wird maßgeblich an der Konzeption der Proteste liegen. Es müssen auch die hierarchischen Zwänge in anderen Lebensbereichen kritisiert werden, die es den Menschen unmöglich machen, sich frei zu entfalten. SchülerInnen, Studierende, Lehrende, Auszubildende – sie alle müssen sich diesen Winter zusammenschließen und versuchen, die herrschenden Verhältnisse aktiv zu verändern.
Wichtig wird auch sein, dass der Protest sich die ganze Welt als Spielwiese der neuen Ideen aussucht. Weltweit wird es diesmal Proteste geben, denn die Probleme im Bildungswesen sind global.

Felix Blind

www.bildungsstreik.net
www.emancipating-education-for-all.org

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