Studieren in Heidelberg: effizient und verwertungs-orientiert

Studentische Mit- und Selbstverwaltung gerät auch und gerade durch die neuerlichen Reformen a la Blologna in Bedrängnis. Ausreichend augerägt war sie noch nie. Studierende in Hochschulgremien können ein Bollwerk sein gegen Ausverkauf und Exzellenzinitiativen. Als Studierender aus dem Norden Deutschlands vergisst man dabei schnell, dass es die studentische Selbstverwaltung in Bayern und Baden-Württemberg faktisch nicht gibt. Nina Marie Bust-Bartels berichtet über die Verhältnisse vor Ort.

Die Uni Heidelberg ist im deutschlandweiten Trend der Ökonomisierung universitärer Bildung führend und treibende Kraft. Als eine von fünf Hochschulen beteiligte sie sich 2005 am Projekt „Die deregulierte Hochschule“. Initiiert wurde das Projekt vom Stifterverband Deutsche Wissenschaft, der sich laut Eigendarstellung als „Gemeinschaftsaktion der deutschen Wirtschaft“ bezeichnet und eng mit dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft und dem Verband der Automobilindustrie zusammenarbeitet. Die Uni Heidelberg orientiert sich am Leitbild des Projekts, das große Schnittpunkte mit dem Ideal der „entfesselten Hochschule“ (CHE und Bertelsmann Stiftung) aufweist. Ziel ist eine autonom und wirtschaftlich organisierte Universität, die mit anderen Hochschulen im Wettbewerb um die zahlende KundIn StudentIn steht.

Umsetzung vor Ort

Ein zentraler Punkt ist hierbei die Einführung von Managementstrukturen in der inneruniversitären Organisation, insbesondere die Konzentration von Steuerungskompetenz im neu geschaffenen Universitätsrat, auch „Aufsichtsrat“ genannt. Dieser ist überwiegend mit externen MitgliederInnen besetzt und soll laut Landeshochschulgesetz (LHG) der Profilbildung und der Erhöhung der Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit dienen.

Manfred Lautenschläger, stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats vom Finanzdienstleister MLP, gehört dem Universitätsrat der Uni Heidelberg an. Die traditionellen Gremien, wie Rektorat und Senat haben im Universitätsrat lediglich eine beratende Funktion.

Und für die Studierenden?

Auch in der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor/Master zeigt sich eine Dominanz wirtschaftlicher Denkweisen. Die Umsetzung des Bologna-Prozesses führte an der Uni Heidelberg zu einem verschulten Studium, das wenig Raum für Selbstorganisation und interessengeleitete Veranstaltungswahl lässt. Es wird erwartet, dass Studierende vorgefertigte Wege gehen und zielstrebig allein das als Relevant vorgegebene auswendig lernen. Durch ständige Leistungsüberprüfungen soll das Studium effizienter und schneller werden, es wird auf Zwang und Leistungsdruck gesetzt anstatt auf intrinsische Motivation und Interesse. Hierbei führt der überfrachtete Stundenplan zu einem Verwertungsdenken, das die Jagd nach Credit Points zur einzigen Handlungsmotivation werden lässt.
Auch die 2007 eingeführten Studiengebühren fügen sich in die wettbewerbsgeleitete Kultur der „deregulierten Hochschule“. Studiengebühren sollen begriffen werden als individuelle „Investition“ in das eigene Humankapital, deren „Rendite“ ein späteres Markteinkommen ist. Sie prägen Studierende in ihren Leistungserwartungen und erzeugen verwertungsorientiertes Lernverhalten.

Demokratisierung jetzt?

Dennoch wehren sich Studierende gegen die Ökonomisierung nicht nur der universitären Strukturen, sondern auch des Denkens und Studierens. Institutionalisierte Mitbestimmungsmöglichkeiten sind jedoch kaum vorhanden und noch weniger gewollt. Auf die Frage nach mehr studentischer Mitbestimmung äußert sich Rektor Eitel in einer Studierendensprechstunde mit den Worten: „Im postkolonialen Afrika hat das Prinzip ‘One Man One Vote’ ja auch zu Chaos geführt.“ Doch auch wenn sich Rektor Eitel, alter Herr der Burschenschaft Normannia Karlsruhe, für eine hierarchische Organisation der Universität ausspricht, so ergibt sich die fehlende Demokratie an der Hochschule vor allem aus dem Landeshochschulgesetz Baden-Württembergs. Um den „Sympathisanten-Sumpf der Terroristen“ auszutrocknen entzog der damalige Ministerpräsident und ehemalige NS-Marinerichter Filbinger den Studierendenvertretungen 1977 das politische Mandat. Auch die aktuelle schwarz-gelbe Landesregierung hält die Studierenden Baden-Württembergs nicht für mündig ihre eigenen Interessen zu vertreten, wie es in 14 anderen Bundesländern gesetzlich verankert ist.
Um so wichtiger ist es für die Studierenden der Uni Heidelberg sich außerhalb der universitären Institutionen, zum Beispiel im Rahmen des Bundesweiten Bildungsstreiks gegen die gesellschaftlichen Trends der Ökonomisierung zu wehren und für emanzipative Bildung und selbstbestimmtes Leben auf die Straße zu gehen.

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