Uni besetzen, aber wie? Ein Bericht aus Wien

In den nächsten Wochen stehen für viele SchülerInnen und Studierende die ersten Erlebnisse mit Besetzungen ins Haus. Offenbar ist es en vogue, zu besetzen im heißen Herbst. Österreich machte es vor, hierzulande wird der Impuls dankbar aufgenommen. Aber was genau passiert denn auf so einer Hörsaal-Besetzung. An was muss jeder Mensch denken, wenn so eine Besetzung ansteht. Nick aus Wien berichtet hier von seinen Erlebnissen und Eindrücken.

Am Dienstag, den 20. Oktober, von den Medien und der Öffentlichkeit kaum wahr genommen, wurde die Akademie der bildenden Künste in Wien besetzt. Studierende und Lehrende solidarisierten sich im Kampf gegen die vom zuständigen Wissenschaftsministerium angeordnete Einführung des neuen Bologna-konformen Studienplans, der die bisherigen Diplom- und Magisterstudien durch Bachelor und Master ersetzt. Bürokratisierung und Ökonomisierung wird befürchtet, das Argument, internationaler Studienwechsel würde dadurch erleichtert, greift auf einer Kunstuniversität mit einem großen Anteil ausländischer Studenten nicht. Bologna soll die „Arbeitsmarktfähigkeit“ fördern – Kunst als kreativer Prozess und Ausdruck kritischer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen drohe dem „Diktat der Wirtschaft“ unterworfen zu werden. Als Plattform ihres Protestes wurde die Website „malen-nach-zahlen.at“ ins Leben gerufen.

Bereits am nächsten Tag formierte sich eine Gruppe von Studierenden unterschiedlicher Universitäten und Studienrichtungen, die in Flyern zur Unterstützung des Protestes an der Akademie und zur Teilnehme an einer Demonstration im Votivpark vor der Universität Wien, der größten Uni des Landes mit derzeit rund 85.000 Studierenden, aufforderte. 400 Personen erschienen am Donnerstag, 22. Oktober, um 12 Uhr, um dem Aufruf folge zu leisten. Die Teilnehmer zogen daraufhin in den Arkadenhof der Uni und schrien Parolen wie „Wessen Uni? Uns’re Uni!“, schließlich wurde in den größten Hörsaal, das Audimax (ausgelegt für 800 Personen), gezogen und spontan zur Abstimmung gebracht, ob der Saal der Akademie gleich, besetzt werden solle – der Antrag wurde mit Begeisterung angenommen. Mit Megaphonen wurde währenddessen auf den Gängen der Uni die Besetzung und ihre Motivation – gegen Bologna, gegen Ökonomisierung der Bildung, gegen Zugangsbeschränkungen u.a. – verkündet und um Unterstützung gebeten. Bis zum Abend war der Saal gefüllt, geplante Lehrveranstaltungen wurden abgesagt – eine vorerst kleine „ Volxküche“ wurde am Gang eingerichtet, im Audimax wurden per „open mic“ Ansichten, Einschätzungen, Meinungen zur aktuellen Bildungspolitik ausgetauscht, stets von heftigem Beifall begleitet. Eine vorübergehende Blockade der Saalzugänge durch die Polizei, als Vorstufe zu einer angedachten Räumung, wurde vom Rektorat in Hinblick auf eine drohende Eskalation zurückgepfiffen (das Rektorat als „Hausherr“ muss eine Räumung anfordern, eigenmächtiges Eingreifen der Polizei ist rechtlich nicht gestattet). Konzerte und Djs leiteten zu einer langen, ausschweifenden Nacht über, was nicht ohne Kritik blieb. Von auf den Tischen tanzenden, Bier trinkenden und rauchenden Studierenden wurden berichtet, die Unileitung meldete Sachschäden die 100.000 Euro ausmachen sollten, ein gefundenes Fressen für jene Teile der Gesellschaft, die ohnehin seit je her eine Abneigung gegen „linke Studenten“, Proteste und Besetzungen pflegen.

Am nächsten Morgen fanden sich daher Freiwillige zu einer ersten Aufräumaktion ein, im Plenum wurde mit den Anwesenden eine Art Verhaltenskodex (mündlich) vereinbart, sodass „Schmierereien“, Sachbeschädigungen und auch Rauchen im Saal – Ausnahme: der Balkon – nicht mehr vorkommen sollen. Eine Abstimmung, ob der Saal weiter besetzt bleiben soll, wurde positiv beantwortet. Und so richtete man sich für das Wochenende ein – und nachdem eine befürchtete Räumung am Dienstag ausblieb (das Rektorat sieht keine Notwendigkeit für eine Räumung, so lang keine „Gefahr in Verzug“ herrsche), für quasi unbeschränkte Zeit. Eine Organisationsstruktur wurde bereits ab dem ersten Tag aufgebaut: Alle wesentlichen Entscheidungen werden im Plenum, also vor dem versammelten Audimax, getroffen. Arbeitsgruppen (AG) leisten, vergleichbar von Ausschüssen im Parlament, die Vorbereitungsarbeit. Eine „AG Plenum“ kümmert sich um die Organisation der Plena, setzt ihre Termine an und sammelt die Anträge der anderen Arbeitsgruppen. Die Zahl der AGs stieg rasch auf 30, 40, 60 und mittlerweile 80 – die Zahl der Mitglieder beträgt meist fünf bis zehn, der Einstieg weiterer „Mitglieder“ ist jederzeit möglich. Erreichbar sind die AGs via eigens eingerichteter Emailadressen sowie an den täglichen Treffpunkten, die am Infotisch (da, wo alle Informationen zusammenkommen) bekannt gegeben werden. Wesentlich für die Kommunikation, sowohl intern als auch extern, sind soziale Internetnetzwerke wie Facebook, Twitter und Skype, wo bereits am Tag der Besetzung eigene Gruppen eingerichtet wurden. Zentraler für die Kommunikation nach außen ist jedoch die Pressestelle, die sich in einem geräumigen Vorzimmer des Audimax befindet und konstant 20 bis 30 Anwesende zählt. Hier befindet sich eine IT-Gruppe, die sich um Hard- und Software-Belange für die rasch ins Leben gerufene Webseite unsereuni.at, das dazugehörige Wiki, WLAN usw. kümmert. In der Ecke daneben befindet sich der Tisch der Foto-/Videogruppe, die mindestens genau so nerdig mit teils hochkomplexen Equipment Fotos und Videos herstellen, verwalten und verteilen – etwa auf Facebook, flickr, auf der Website und im Austausch mit externen Interessenten. Den größten Teil des Raumes nehmen jedoch die etwa 15 Personen (es sind eher 30 bis 40, die quasi schichtweise anwesend sind), die die sozialen Netzwerke „füttern“, die Berichte für die Webseite schreiben und – vor allem – die Kontakte zur Außenwelt pflegen, was bei mehreren Hundert Mails täglich mittlerweile sehr aufwändig geworden ist. Mehrere ÜbersetzerInnen sorgen übrigens dafür, dass die Website auch auf englisch, italienisch, französisch und spanisch abrufbar ist. In der letzten verbliebenen Ecke hat sich ein „Erste Hilfe“-Bereich eingerichtet, der mittlerweile sogar von richtigen SanitäterInnen besetzt ist.

Die Volxküche hat mittlerweile den Garderobenraum bezogen und unglaubliche Ausmaße angenommen: Dank zahlreicher Geld- und Sachspenden verfügt die VoKü über vier Kochplatten auf denen in Großküchentöpfen täglich dutzende Kilo an Gemüse und Getreide verkocht werden. Ein Kaffee- und Teebereich sorgen für warme Getränke, Alkohol wird keiner ausgeschenkt. Ein eigenes Versorgungsteam kümmert sich um die Anwerbung von Großspenden bei Wiener Unternehmen, die meist sehr positiv reagieren, wenn sich die Anrufer als Teilnehmer der Audimax-Besetzung vorstellen. So beliefert eine Großbäckerei mittlerweile täglich verlässlich dutzende Kilo Brot, aus einer anderen guten Quelle dürften die 20-Kilo-Säcke Karotten und Kartoffeln stammen, die in eigens errichteten Holz-Regalen gelagert werden.

Solidaritätserklärungen erreichten uns mittlerweile nicht nur von anderen Studierenden in ganz Europa, sondern auch vom österreichischen Gewerkschaftsbund, Landtagsfraktionen der Sozialdemokraten und Grünen in zwei Bundesländern – wobei betont wird, dass man sich nicht politisch vereinnahmen lassen will – sowie zahlreichen anderen Organisationen, darunter die IG externe Lehrende und LektorInnen der österreichischen Universitäten. Zahlreiche RektorInnen machen keinen großen Hehl daraus, dass sie insgeheim mit den Besetzungen, die mittlerweile auf große Hörsäle in den meisten anderen Universitätsstädten ausgedehnt wurden, sympathisieren, da sie eine breite Diskussion über die Zukunft der Universitäten eingeleitet haben. Offen möchte sich aber kein Rektor gegen den Wissenschaftsminister stellen, auch die ProfessorInnen haben sich bisher gar nicht bis spärlich zu den Protesten geäußert.

Nick war in Wien von Anfang an mit dabei

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