Widerstand und „Kinderrechte“

Eigentlich wollte Merlin (damals acht) im letzten Dezember nur „containern“. Doch dann mischte sich die Polizei ein. Der Vorwurf „schwerer Diebstahl“ wurde genannt und die Nacht endete im Kinderheim. Frank, einer seiner „Erziehungsberechtigten“ erzählt von den juristischen Folgen und warum das Thema „Kinderrechte“ politisch ist.

utopia: Du hattest deshalb einen Prozess mit dem Vorwurf Widerstand, weil du dich gegen Merlins Einlieferung ins Kinderheim eingesetzt hast. Wie ist er gelaufen?

Frank: Ziemlich gut. Wir hatten keine Anwälte und konnten das vermitteln, was uns sinnvoll schien. Dadurch konnten diverse staatskritische und „kinderrechtliche“  Argumente in die Anträge gepackt werden. Der Prozess wurde immer länger und bunter und am zweiten Verhandlungstag hat der Richter erkannt, dass er der kreativen Antirepression im Gerichtssaal am besten mit einer Einstellung begegnet.

Weshalb ist dieser Prozess in deinen Augen politisch?

Die Abläufe bei der Polizei zeigten klar, dass junge Menschen massiv in ihren Grundrechten eingeschränkt werden. Leute wie ich, die so etwas thematisieren oder aktiv dagegen vorgehen wollen, werden kriminalisiert. Für mich ist das ein Politikum, das mehr thematisiert werden muss. Bei dem Prozess ging es für mich nicht um die Körperverletzung sondern um die Tatsache, dass ein “rechtfertigender Notstand” vorlag. Eine Person wird eingesperrt, weil sie ihr 18. Lebensjahr noch nicht erreicht hat. Ich habe interveniert und deshalb stand ich vor Gericht.

Weshalb sind Kinderrechte so ein wichtiges Thema für dich?

Eigentlich mag ich das Wort „Kinderrechte“  gar nicht: Rechte sind etwas, was einem zugeteilt wird und mit dem Wort „Kind“  mache ich eine Schublade für eine Menschengruppe auf. Und eigentlich steht auf der Schublade dann: „noch nicht vollwertiger Mensch”. Ich finde es wichtig, alle Menschen als Individuen zu betrachten. Individuen, die eigenständige Vorstellungen, Gefühle, Träume und Grenzen haben. Wenn ich einer Person begegne, möchte ich die Vorstellungen dieser Person erfahren und nicht, was andere Leute sagen, wie diese Person zu sein hat.

Aufgrund der Äußerlichkeit des Alters kann ich nicht vorschreiben, wie sich eine Person zu verhalten hat. Das ist eine Vorstellung, die ich in meinen Kopf nicht rein kriege und auch nicht haben möchte.

Setzt du deine Überzeugung im Alltag auch um? Und wie machst du das?

Ich versuche Altersdiskriminierungen zu thematisieren. Wenn zum Beispiel Leute aufgrund ihres Alters von Aktionen ausgeschlossen werden sollen. Aber auch wenn im Zug eine Mami „ihr Kind“ nötigt sich nach ihren Vorstellungen zu verhalten. In erster Linie versuche ich den Alltag so zu organisieren, dass alles altersbedingten Diskriminierungen entgegenwirkt. Aber es ist auch eine aktive Herangehensweise nötig, um Unterdrückungsformen zu vermeiden. Beispielsweise bei einem Zwölfjährigen, der abends versuchen würde in die Nachbarstadt zu trampen. Da muss ich mich dazustellen, obwohl ich da gar nicht hin will, damit die Reise nicht wieder bei der Popelei endet.

Gab es deshalb schon häufiger Probleme?

Klar, das fängt ja schon bei der Schulpflicht an. Da schreiben fremde Leute vor, dass mensch sich in einer Schule aufzuhalten hat, um sich die Gedanken waschen zu lassen. Klar, dass da Leute keine Lust zu haben. Es gab und gibt allerlei Repressionen, weil Merlin und eine weitere Person da nicht hingehen. Dann tauchen die beiden auf Aktionen auf, weil sie zum Beispiel Gentechnik blöd finden oder nicht wollen, dass ein Flughafen ausgebaut wird – oder einfach nur Lust haben, mit netten Leuten tolle Aktionen zu leben. Das zieht dann wieder Repressionen nach sich und du musst dir von irgendwelchen Jugendamtsleuten erzählen lassen, dass das so nicht geht.

Gibt es bewährte Strategien, wie Mensch in solchen Fällen mit Behörden umgehen kann?

Gut vorbereiten, Sorgerechtsbescheinung dabei haben und die Gesetze kennen.  Öffentlichkeit herstellen. Sich nicht einschüchtern lassen. Gerade Jugendämter drohen schnell mit Sorgerechtsentzug. In deren Dienstvorschrift steht: „Die Androhung des Sorgerechtsentzuges führt in den meisten Fällen zum Erfolg“. Immer wieder verhandeln und klarmachen, dass sie da gerade mit einem Fall konfrontiert werden, den sie nicht so einfach unterbuttern können.

Interview: Franziska

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