Wissenschaft – für wen?

Sep 4th, 2008 • Kategorie: Bildung und Erziehung, September/Oktober 2008

Das Ende kritischer Wissenschaften an deutschen Hochschulen

Zu Dutzenden strömen Studierende der Sozialwissenschaften in Hannover in die Vorstandssitzung ihres Instituts. Sie wollen es nicht  länger hinnehmen, dass über ihre Köpfe und Interessen hinweg entschieden wird. Die kritischen Wissenschaften sind in Gefahr – wie an so vielen Hochschulen Deutschlands.Doch die Vorstandsmitglieder wollen den StudentInnen weismachen, dass man ihr Interesse zwar wahrgenommen habe, dieses aber nun mal mit den Interessen der Wirtschaft und Politik abgleichen müsse. Die Interessen der Wirtschaft sind bei der Vorgabe von Studieninhalten inzwischen enorm wichtig geworden. Ihr Interesse besteht vor allem in unkritischen, formbaren und funktionierenden Eliten. Universitäten und Fächer, die sich dem anpassen, werden fleißig finanziell unterstützt. In den letzten Jahren verkommen so immer mehr Hochschulen zu bloßen Zulieferbetrieben für die Wirtschaft.
Hinter dem Interesse der Wirtschaft bleiben andere Interessen der Gesellschaft zurück. Wissenschaft, die sich mit der Entstehung von Rassismus, Antisemitismus oder Sexismus beschäftigt, die nach den Ursachen von Gewalt und Krieg fragt, wird nach und nach aus dem Hochschulbetrieb verdrängt. Kritischen ProfessorInnen werden die Stellen gestrichen, ganze Institute aufgelöst oder finanziell ausgeblutet. Exemplarisch ist das am Fach Sozialpsychologie an der Universität Hannover zu sehen, das sich seit seinen Anfängen einer gesellschaftskritischen Ausrichtung verschrieben hat. Gab es vor acht Jahren noch acht feste Stellen für das Fach, sind es heute nur noch vier. Dies ist besonders deshalb bedenklich, weil sich die Hannoversche Sozialpsychologie mit hochaktuellen Themen beschäftigt. Die Tageszeitungen und Nachrichtensendungen sind voll mit Berichten über Jugendgewalt, Kindestötungen, Arbeitslosigkeit, Vereinsamung, Rechtsextremismus, und Folterskandalen. Ganz offensichtlich besteht ein Bedürfnis, diese Phänomene zu verstehen, die auf den ersten Blick so unbegreiflich erscheinen. Dass genau die Wissenschaften, die Antworten auf die Fragen nach den Ursachen geben können, nieder geschrumpft werden, ist völlig absurd.
An vielen anderen Hochschulen ist die Entwicklung ähnlich. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesen Themen sollte auf dem Bedürfnis beruhen zu erklären, woher das Elend der Menschen in der Gesellschaft rührt. Dieses Interesse mit betriebswirtschaftlicher Logik, die sich an der Vergrößerung des Profits orientiert, zu entgegen, ist ein Skandal.
Eine Gesellschaft, die ihre Bildung nur nach den Interessen der kapitalistischen Logik ausrichtet, läuft in Gefahr, gegen eine Wand zu rennen. Vergessen scheint, wem Wissenschaft nutzen soll: Den Menschen. An vielen Hochschulen haben sich Studierende zusammengeschlossen und kämpfen gegen den Umbau ihrer Unis zu marktorientierten Dienstleistungsunternehmen an. Sie begreifen Wissenschaft wie Rudi Dutschke, der Wortführer der Studierendenbewegung in den 60ern. Er sah Wissenschaft als „Moment der Selbstbefreiung des Menschen von unbegriffenen Mächten.“

Christoph M.

Christoph M. (21) ist Student der Sozialwissenschaften in Hannover.

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