Zum Abbrechen?!
Wer heute etwas von Bologna hört, der denkt erstmal nicht an sozialen Fortschritt. Trotzdem lassen sich in den Dokumenten der Minister viele soziale Ziele finden. Für MitarbeiterInnern der Hochschulen und StudentInnen soll es mehr Mobilität und Möglichkeiten, sich in der Hochschulpolitik einzubringen, geben. Soziale Ungleichheit soll mit ausreichenden Fördermitteln ausgemerzt werden. Auch die Ungleichheit der Geschlechter soll an europäischen Hochschule nicht mehr gelten. Tatsächlich passen sich die deutschen Hochschulen auch an diese Vorgaben an. Das BAföG wurde in diesem Sinne gerade erst um 2% erhöht. Jetzt erhalten StudentInnen statt den etwas knapp bemessenen 366 € immerhin schon 373,32 € im Monat. Bemessen ist dieser Betrag für den gesamten Lebensunterhalt. Zusätzliches Geld gibt es nur nochmal für die Miete. Davon finanzieren die StudentInnen dann Bücher, Essen, alle Freizeitaktivitäten und Semesterbeiträge bzw. -gebühren.
Hoch gepriesen wurde von den Ministern aber auch das Ziel, dass StudentInnen den Studienplatz finden sollen, der am besten zu ihnen passt. Wer sich den Zeitrahmen eines Bachelorstudiums anguckt, der wird schnell desillusioniert. Ein solcher Studiengang bringt regulär 180 ECTS-Punkte mit sich. Ein ECTS-Punkt soll dabei 30 Arbeitsstunden umfassen. Für einen Bachelorstudiengang ergibt sich somit ein Arbeitsumfang von sieben Stunden pro Tag. Feiertage sind hier nicht einmal einberechnet. Lediglich Wochenenden. Vorausgesetzt ist hier auch, dass StudentInnen die gesamten Semesterferien durcharbeiten. Viel Zeit zur Sinn-Suche bleibt also nicht.
Ein Blick auf die neuen Studien zu den Abbruchquoten ist erst richtig ernüchternd. Insgesamt brechen 21% der StudentInnen ihr Studium ab, ohne einen ersten Abschluss abgelegt zu haben. Spitzenreiter in der HIS-Studie sind Leistungsprobleme und finanzielle Probleme. Erstere geben bei 20% und letztere bei 19% der AbbrecherInnen Ausschlag zur Abbruchentscheidung. Überhaupt stellen mangelhafte Studienbedingungen, die von 75% der AbbrecherInnen angegeben werden und Leistungsprobleme, die 70% der AbbrecherInnen angeben, die schwerwiegendsten Punkte dar, wenn es um die Entscheidung zum Studienabbruch geht. Finanzielle Probleme finden sich „erst“ auf Platz fünf mit „nur“ 53% Nennung unter den AbbrecherInnen.¹
StudentInnen haben also privat nicht genug Geld das Studium zu finanzieren und sind schlechten Lernbedingungen ausgesetzt. Anders sieht es bei den MitarbeiterInnen der Hochschulen auch nicht aus. In Hessen wurden kürzlich erst 34 Millionen € für die Hochschulen gestrichen. Das beutet konkret: Keine neuen Materialien und keine neuen MitarbeiterInnen an den Hochschulen.
Dabei sind glücklicherweise nicht alle Ziele des Prozesses gescheitert. Die gute Kommunikation mit der Wirtschaft und eine bessere „Einstellbarkeit“ der europäischen Bürger ließ sich hervorragend umsetzen. Dank geht besonders an die HochschulRektorenKonferenz, die immer aktiv TeilnehmerInnen der Wirtschaft in hochschulpolitische Debatten einbringt.
Stephan Malzkorn
¹Ulrich Heublein / Christopher Hutzsch / Jochen Schreiber / Dieter Sommer / Georg Besuch: Ursachen des Studienabbruches in Bachelor- und herkömmlichen Studiengängen, HIS Hochschul-Informations-System GmbH, Dezember 2009, http://www.his.de/pdf/pub_fh/fh-201002.pdf







