Abenteuerurlaub als Entwicklungshilfe?

„Lernen durch tatkräftiges Helfen“ – so lautet das Motto des “Weltwärts”-Programms des Bundesministeriums für technische Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Seit Anfang 2008 unterstützt das Ministerium so Entsendeorganisationen, indem es 75 Prozent der Ausgaben für Freiwilligendienste finanziert. Das ehrgeizige Ziel ist es, jährlich 10.000 Freiwillige im Alter von 18 bis 28 Jahren in sogenannte Entwicklungsländer zu entsenden. Ob diese dort allerdings tatkräftig helfen, ist stark zu bezweifeln.

Sicherlich lernt der/die Einzelne von einem Auslandsaufenthalt sehr viel; nicht nur die Sprache des Landes, sondern auch Toleranz und Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Menschen und Kulturen. Das Ziel des Weltwärts-Programms ist außerdem, das Engagement junger Menschen für die Entwicklungszusammenarbeit zu gewinnen und es im Prinzip allen jungen Menschen möglich zu machen, einen Freiwilligendienst im Ausland zu leisten, ohne dass dieser vom Geldbeutel der Eltern abhängt. Diese nach außen getragene Begründung ist einleuchtend. Tatsächlich steckt hinter dem Programm aber eine ganz andere Motivation: Der Anteil der Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit gemessen am Bruttoinlandsprodukt Deutschlands lag 2007 bei 0,37 Prozent. Die EntwicklungsministerInnen der EU hatten aber 2005 beschlossen, dass diese Quote bis 2010 auf 0,51 Prozent und bis 2015 auf 0,7 Prozent steigen sollte. Jetzt musste also schnell irgendwo eine Menge Geld ausgegeben werden, damit diese Planung eingehalten werden konnte. Somit entstand das Weltwärts-Programm, mit dem Freiwillige monatlich mit etwa 580 Euro für Unterkunft, Essen, Flug und Taschengeld gefördert werden. Für 10.000 Freiwillige, die alle ein Jahr im Ausland „Entwicklungshilfe“ leisten, werden insgesamt 69,6 Millionen Euro ausgegeben, eine Summe, die auf die offizielle Entwicklungshilfe berechnet wird. Mit diesem Geld könnten Partnerinnenorganisationen oft mehrere Einheimische in den Entwicklungsprojekten einstellen.

Leider hat das Programm bisher nicht – wie gewünscht – Leute mit anderen Hintergründen und abgeschlossener Berufsausbildung angesprochen. Stattdessen nutzen im Moment AbiturientInnen das Programm am stärksten. Wahrscheinlich deshalb, weil Nicht-AbiturientInnen nach ihrer Ausbildung eher daran interessiert sind, einen festen Arbeitsplatz zu bekommen, als ein Jahr Abenteuerurlaub zu machen. Denn so muss ein solcher Freiwilligendienst wohl beurteilt werden. Die Freiwilligen sind unqualifizierte SchulabgängerInnen, die in einem Jahr kaum nachhaltige Entwicklungshilfe leisten können, sondern vielmehr persönliche Erfahrungen sammeln.

Dem/der Einzelnen bringt so ein Jahr persönlich sehr viel. Ich selber war mit dem Programm ein Jahr in Bolivien und habe in einer Vorschule den LehrerInnen geholfen. Ich verbinde mit dem Jahr viele Erfahrungen, die mir sicherlich ein Leben lang in Erinnerung bleiben werden. Dass diese Erfahrungen allerdings mit Geldern bezahlt wurden, mit denen eigentlich effiziente Entwicklungszusammenarbeit hätte finanziert werden müssen, trübt das Ganze sehr. Was habe ich denn schon zur Entwicklung Boliviens beigetragen? Sicherlich, einen kleinen Beitrag kann man immer leisten, aber das rechtfertigt noch lange nicht die knapp 7.000 Euro, die vom BMZ für mich ausgegeben wurden. Ein Ziel allerdings hat das BMZ mit seinem Weltwärts-Programm bei mir erreicht: Durch das Jahr in Bolivien wurde mein Interesse an Entwicklungszusammenarbeit geweckt. Ich habe mich viel damit auseinandergesetzt. Allerdings glaube ich nicht, dass ich die derzeitige „Entwicklungshilfe“ des BMZ je unterstützen werde. Oft bekommt man den Eindruck, dass die heutigen Industriestaaten einfach nur ihren Imperialismus unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe weiterführen. Der derzeitige Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dirk Niebel (FDP), zeigt das sogar recht offen: Er will deutschen Unternehmen die Tür in die Entwicklungsländer öffnen.

Es stellt sich tatsächlich die Frage, was die Industrienationen eigentlich unter Entwicklung verstehen und wie sie diese in den so genannten unterentwickelten Ländern antreiben wollen. Wie „Entwicklungshilfe“ oft geleistet wird, zeigt schon das Wort an sich: Der starke Reiche hilft dem armen Schwachen. Bei dieser Hilfe bleibt das Interesse derer, denen geholfen wird, oft außen vor. Sie werden entmündigt. Das Ungleichgewicht ist deutlich. Jetzt schicken die Industrienationen verstärkt junge SchulabgängerInnen in diese Länder. Diese sind oft genug in dem Glauben, dass sie in nur einem Jahr die Welt verändern könnten. Das ist blanker Hohn für die sogenannten Entwicklungsländer. Nicht nur, weil Einheimische nach Kräften wirkliche Entwicklungsarbeit leisten, sondern auch, weil die reichen Industrienationen sie einst unterwarfen und bis heute ausbeuten.

Lyd
Lyd war 2008/2009 ein Jahr mit dem
weltwärts-Programm in Bolivien.

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