Alle vier Sekunden ein Mord

Millionen Menschen sterben an Hunger – obwohl es eigentlich genug Nahrung gibt

Jedes Jahr sterben laut Bericht der FAO, der Food and Agricultural Organization (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen), etwa 8 Millionen Menschen an Hunger – das sind über 20.000 Menschen am Tag, 15 Menschen pro Minute: Alle 4 Sekunden stirbt ein Mensch den qualvollen Hungertod. Oftmals sind diese Menschen noch im Kindesalter. Der Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen trifft Kleinkinder und stillende Mütter in einem besonderen Maße: Jährlich überleben sechs Millionen Jungen und Mädchen ihre Kindheit nicht. Weil schon die Mutter an Unterernährung leidet, kommen die Kinder bereits mit schwerwiegenden Störungen ihres Stoffwechsels zur Welt. Sie sind deshalb sehr anfällig für Krankheiten wie Durchfall, Lungenentzündung, Malaria oder Masern. Würden sie nach ihrer Geburt eine bessere Ernährung erhalten, könnten sie von solchen Krankheiten problemlos geheilt werden.
Während das Problem in unserem westlichen Alltagsüberfluss oft untergeht und hier immer mehr Menschen unter den Folgen von Übergewicht leiden, verursacht der Hunger besonders in den Ländern des globalen Südens – in Afrika, Lateinamerika und Asien jeden Tag ein unvorstellbares Leid. Diese Situation ist weder natürlich, noch „Gott gegeben“, sondern Menschen gemacht! Es gibt heute keinen „objektiven Mangel an Gütern“ mehr auf der Welt. Im Gegenteil: Es herrscht Überfluss. Die Erde könnte schon heute bei gleichbleibender landwirtschaftlicher Produktion ohne Probleme doppelt so viele Menschen ernähren, wie auf der Erde leben. Das macht der letzte Bericht der FAO von 2005 deutlich. Jean Ziegler, der vor kurzem aus dem Amt geschiedene Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung kommt angesichts dieser dramatischen Fakten zu dem Schluss: „Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.“
Die Hunger- und Entwicklungshilfe der Industrienationen ist kaum mehr als medien-wirksame Augenwäscherei. Die Staatsverschuldungen der Entwicklungsländer führen dazu, dass die betreffenden Länder einen großen Teil ihrer Wirtschaftsleistung für Zinszahlungen an das Ausland aufbringen müssen. So zahlen die Länder der so genannten Dritten Welt jedes Jahr deutlich mehr Geld an die Industrienationen, als diese ihnen durch Hilfsprogramme zukommen lassen. Würden die PolitikerInnen des globalen Nordens tatsächlich den Welthunger bekämpfen wollen, würden sie den Entwicklungsländern ihre Schulden entlassen. Auf den Reichtum der Industrienationen würde sich dies kaum auswirken.
Drei Viertel der von „schwerer Unterernährung“ betroffenen Menschen leben auf dem Land. Oft in Ländern mit vielen natürlichen Rohstoffen und für die Landwirtschaft guten klimatischen Bedingungen. Diese Tatsache verstärkt das Paradoxon des Hungers unserer Zeit. Die Menschen, die in Brasilien hungern, können auf ihren Feldern nicht die Lebensmittel anbauen, die sie benötigen, weil diese von großen, europäischen oder nordamerikanischen Konzernen gekauft wurden. Sie bauen auf den brasilianischen Feldern Soja an, dass später als Trockenmittel für die Rinder, die für den Fleischkonsum der Industrienationen des Nordens gezüchtet werden, weiterverkauft wird.
In der gegenwärtigen Form fördern Handel und Globalisierung den Hunger. Die Staaten des globalen Nordens geben jedes Jahr Milliarden Dollar aus, um den Export ihrer landwirtschaftlichen Produktion zu subventionieren (d.h. finanziell zu unterstützen). LandarbeiterInnen in Afrika, die jeden Tag unter brennender Hitze auf ihren Feldern arbeiten, haben keine Chance gegen diese Subventionen anzukommen. Heute ist auf einem afrikanischen Markt das subventionierte, europäische Gemüse viel billiger, als das von den Bauern und Bäuerinnen im Umkreis angebotene. Millionen LandarbeiterInnen in Afrika sehen deshalb keine Chance mehr sich zu ernähren und versuchen mit letzter Kraft nach Europa zu fliehen, um irgendeine Arbeit für ein bisschen Essen zu finden. Wenn wir nicht jetzt anfangen die Absurdität unserer bestehenden Weltordnung zu bekämpfen, wird sich an diesen grausamen Zuständen nichts ändern.

Christoph Müller (21) ist Student der Sozialwissenschaften in Hannover und bei attac aktiv.

Quellen und Buchtipps:

  • Jean Ziegler – Wie kommt der Hunger in die Welt? – cbt Verlag
  • Jean Ziegler – Das Imperium der Schande – Pantheon Paperbacks
  • Susan George – WTO: Demokratie statt Drakula – vsa Verlag
  • FIAN – Wirtschaft global – Hunger egal? – vsa Verlag

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