Chile kommt nicht zur Ruhe
Auch 22 Jahre nach Ende der Pinochet-Diktatur hat Chile mit vielen Problemen zu kämpfen: ein rechter Präsident, Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen und nun nach dem Erdbeben auch noch Armeeeinsätze im Landesinneren und eine Ausgangssperre.
Seit dem 11. März 2010 ist der rechtskonservative Sebastián Piñera offiziell Präsident der Andenrepublik. Er wird nicht umsonst als der „Berlusconi von Chile“ bezeichnet, da ihm neben einem Fußballverein auch einer der wichtigsten privaten TV-Sender des Landes gehört. Außerdem zählt er zu den zehn reichsten Menschen Chiles.
Kurz vor Beginn seiner Amtszeit erschütterte das schwerste Erdbeben seit fast 50 Jahren die Region um die Stadt Concepción. Durch dieses und einen nachfolgenden Tsunami starben schätzungsweise 500 bis 1000 Menschen. Obwohl das Erdbeben stärker war als das einen Monat zuvor in Haiti kam es zu keinerlei Hilfsmaßnahmen aus dem Ausland. Diese wurden von der Regierung, welche die Stärke des Landes unter Beweis stellen will, abgelehnt. Auch die staatlichen Hilfsgüterlieferungen trafen erst vier Tage nach dem Beben in den betroffenen Regionen ein. Dem Mangel an Lebensmittel und Trinkwasser wurde durch Plünderungen von Supermärkten Abhilfe geschaffen. Dies geschah jedoch nur in verhältnismäßig geringem Maße und beschränkte sich zumeist auf lebenswichtige Güter. Ganz anders wurde es in den öffentlichen Medien des Landes dargestellt, so wurde zum Beispiel immer wieder das Bild eines Plünderers mit einem Plasmabildschirm gezeigt. Durch die so geschürte Panik fühlten sich viele Bürger der Mittel- und Oberschicht von der „plündernden Unterschicht“ bedroht und formten sich zu Bürgerwehren. Außerdem wurde der Ruf nach einem Militäreinsatz lauter, dem die zu diesem Zeitpunkt noch amtierende sozialistische Präsidentin Michelle Bachelet zögernd nachkam. Der Anblick von rund 14000 Soldaten, die im Inneren des Landes eingesetzt wurden, rief bei einigen vor allem älteren Menschen schmerzliche Erinnerungen an den faschistischen Putsch (näheres in dem Artikel „Das „9/11“ von Chile“ in dieser Ausgabe) hervor. Zudem wurde eine Ausgangssperre in den vom Erdbeben betroffenen Regionen verhängt.
Als Weg aus der momentanen chaotischen Lage wird von den öffentlichen Medien und der neuen rechtskonservativen Regierung ein neuer Nationalstolz angepriesen, welcher durch eine Spendengala im Fernsehen propagiert wird. Leider sind hier ähnliche Entwicklungen wie in Deutschland zu beobachten, wo besonders junge Menschen, die die Verbrechen des Faschismus nicht miterlebt haben, für die Nationalstolz-Kampagnen empfänglich sind.
Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt und Chile erneut in die Unterdrückung gerät.
Jan







