Das „9/11“ von Chile
Alle Jahre wieder: Pünktlich am elften September werden wir in Funk und Fernsehen an die Anschläge auf das World Trade Center erinnert. Doch dass an dem selben Datum 28 Jahre zuvor auch ein anderer Terrorakt seinen Lauf nahm, ist wohl nur wenigen bekannt. Und dass die USA eine große Teilschuld an den Menschenrechtsverbrechen tragen, noch wenigeren.
Im Jahre 1970 wurde der Sozialist Salvador Allende in einer demokratischen Wahl zum Präsidenten von Chile gewählt. Er setzte den Reformkurs seines Vorgängers fort, indem er große Banken und Industrien des Landes verstaatlichte. Außerdem verbesserte er die Situation der verarmten Landbevölkerung durch umfangreiche Landreformen.
Diese Umwälzungen waren den Nordamerikanischen Industrien natürlich ein Dorn im Auge. Ebenso fürchtete die US-amerikanische Regierung, dass durch Allende die „Kommunisten“ in Südamerika an Einfluss gewinnen könnten, da dieser politische Beziehungen mit dem kubanischen Diktator Fidel Castro pflegte. So sagte zum Beispiel der damalige US-Sicherheitsberater Henry Kissinger wörtlich: „Ich sehe nicht ein, warum wir nichts tun und zusehen sollten, wie ein Land durch die Unverantwortlichkeit seines eigenen Volkes kommunistisch wird. Die Angelegenheiten sind viel zu wichtig, als dass sie den chilenischen Wählern zur Entscheidung überlassen werden könnten“.
Da sich das chilenische Volk in den Wahlen Anfang des Jahres 1973 allerdings leider „falsch“ entschied, sah sich die amerikanische Regierung gezwungen zu handeln. Dies tat sie, indem das CIA faschistische Aktivisten finanziell (mit rund 10 Millionen US-Dollar) und logistisch (mit Waffen) unterstütze. So kam es dazu, dass am 11. September das Militär unter Führung von General Augusto Pinochet putschte und Allende ermordete.
Nach Errichtung der Militärdiktatur kam es zu einer ganzen Reihe von Verbrechen gegen politische Gegner. So schätzt Amnesty International die Opferzahlen während und nach dem Putsch auf 5.000 bis 30.000 Tote. Diese wurden zunächst von der Polizei oder der Armee in provisorisch errichtete Gefangenenlager verschleppt und dort gefoltert, verstümmelt und getötet. Insgesamt fielen Zehntausende der Folter zum Opfer und über eine Million Menschen mussten über die Grenzen Chiles fliehen.
Die ausländischen Regierungen blieben trotz der Menschenrechtsverbrechen weitestgehend untätig. Die „Neue Westfälische Zeitung“ titelte: „Putsch in Chile ist für Banken positiv – in Südamerika kann wieder investiert werden“. Die US-Regierung ging sogar noch weiter und unterstützte die Militärdiktatur 1976 mit 290 Millionen US-Dollar Direkthilfe.
Diese Ereignisse zeigen, wie viel Demokratie zählt, wenn sie nicht im US-amerikanischen Sinne ist und wie der globale Finanzmarkt von Menschenrechtsverbrechen profitieren kann. Außerdem wird an den beiden 9/11ens und ihrer medialen Darstellung deutlich, wie wertvoll chilenische Menschenleben im Gegensatz zu US-amerikanischen sind. Im Jahr des Putsches erhielt der oben bereits erwähnte US-Sicherheitsberater Henry Kissinger übrigens den Friedensnobelpreis.
Da bleibt nur noch die Hoffnung, dass Präsident Allende mit dem, was er in der letzten Rede vor seinem Tod sagte, Recht behält: „ [...]ich bin sicher, dass mein Opfer nicht umsonst sein wird, ich bin sicher, dass es wenigstens ein symbolisches Zeichen ist gegen den Betrug, die Feigheit und den Verrat“.
Jan









