Die Paten von Kingston

Wer in den letzten Tagen Bilder aus der jamaikanischen Hauptstadt Kingston gesehen hat, wird sich an Szenen aus einem Bürgerkrieg erinnert gefühlt haben: Bewaffnete, meist junge Menschen verbarrikadieren die Zufahrtsstraßen zu ihrem Viertel und liefern sich lange Feuergefechte mit der Polizei; Vermummte attackieren die örtliche Polizeistation und setzen diese in Brand. Innerhalb weniger Tage forderten diese Auseinandersetzungen 73 Tote, darunter auch viele Unbeteiligte. Mittlerweile steht das Militär einsatzbereit.

Doch was hier nach Bürgerkrieg aussieht, sind lediglich die Versuche der jamaikanischen Polizei, dem Auslieferungsantrag der USA für den berüchtigten Bandenchef Christopher „Dudus“ Coke nachzukommen, einem der mächtigsten und einflussreichsten Männer Kingstons.
Christopher Coke, genannt Dudus, wird beschuldigt, Waffen und Drogen von Jamaika aus in die USA zu schmuggeln. Seit August letzten Jahres soll sich Coke nun im Kingstoner Slum-Viertel Tivoli Gardens aufhalten, um dem Auslieferungsgesuch der US-Behörden zu entkommen. Letzte Woche eskalierte dann die Situation, als bekannt wurde, dass der jamaikanische Premierminister Bruce Golding, der sich zunächst weigerte, dem Gesuch nachzukommen, da er gerüchteweise Verbindungen zu Coke unterhält, auf wachsenden Druck hin die Verhaftung und Auslieferung Cokes unterzeichnete. Daraufhin kam es in Tivoli Gardens zu tumultartigen Ausschreitungen zwischen Polizei und den Bewohnern des Viertels, die Cokes Auslieferung verhindern wollen.
Doch woher kommt es, dass die Bewohner die Auslieferung eines schwerkriminellen Bandenchefs mit allen Mitteln zu verhindern versuchen? Um dies zu erklären muss man beachten, dass Kingston über hochorganisierte Bandenstrukturen verfügt. Hinzu kommt, dass Jamaika ein von Armut geprägtes Land ist, was dazu führt, dass besonders Jugendliche ihre einzige Chance in der organisierten Kriminalität sehen. Eine Folge davon: Bei ca. 2,8 Millionen Einwohnern im Jahre 2002 lag die Mordrate bei 40 Toten auf 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: die Quote in den USA lag zu diesem Zeitpunkt bei 5,7 pro 100.000. Die verschiedenen Viertel Kingstons sind fest in Bandenhand, jedoch nicht auf die Weise, dass die Banden die Bewohner kompromisslos unterdrückten. Vielmehr besteht eine „Zusammenarbeit“ von Bandenchefs, genannt Area Dons und der Bevölkerung: Die Area Dons investieren Teile ihrer Gewinne in gemeinnützige Projekte wie z.B. den Bau von Schulen oder Jugendzentren. Im Gegenzug deckt die Bevölkerung die kriminellen Geschäfte der Dons; Zusammenarbeit mit der Polizei ist quasi inexistent, da die Area Dons im Gegensatz zur Politik auf die sozialen Probleme der Menschen konkret reagieren können und, um ihre Machtstrukturen zu sichern, sogar teils darauf angewiesen sind.
Die Politiker der beiden führenden Parteien PNP und JLP sind häufig mehr mit ihren eigenen (nicht immer ganz legalen) Machenschaften zugange und der Polizeiapparat ist durchzogen von Korruption und Willkür. Die 2004 zur Bekämpfung der Bandenkriminalität gegründete Spezialeinheit Operation King Fish geriet bisher eher durch Schießwütigkeit denn durch erfolgreiche Arbeit ins Rampenlicht und der berüchtigte Polizeichef Reneto Adams wurde bis zu seiner Absetzung 2005 mehrfach wegen Mordes angeklagt.
Die Reaktionen der Menschen in Tivoli Gardens auf die geplante Auslieferung Cokes scheinen ein Hilferuf zu sein, dass sich ihre Lebensbedingungen ohne ihren lokalen Area Don noch weiter verschlechtern werden.

Lukas

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