Ein Erbe der Apartheid
Südafrika: Große Unterschiede zwischen reichen Innenstädten und armen Townships
In einer südafrikanischen Großstadt sieht es auf den ersten Blick aus wie in Europa, oder in den USA: Shoppingmalls, geteerte Straßen, große Häuser, viele mit Pool. Die riesigen Townships, in denen ein großer Teil der Bevölkerung in Armut lebt, werden oft nicht bemerkt. Nur ein paar Kilometer entfernt von den Stadtzentren befindet sich eine komplett andere Welt. Es wird kaum Englisch gesprochen, die Häuser sind viel kleiner, oft sind es nur Wellblechhütten; Kühe laufen auf der Straße herum, Reissäcke werden auf den Köpfen getragen. Statt Neuwagen findet man Minibustaxen.
Die „Rassen“trennung
‘Townships’ werden die Armenviertel oder ‘Ghettos’ in Südafrika genannt. Es ist ein Begriff, der aus der Zeit der organisierten Diskriminierung, der Apartheid, übrig geblieben ist.
Als 1948 die rassistische Nationalpartei der Buren die Macht in Südafrika übernahm, wurde die gesamte Siedlungsstruktur neu organisiert. Es gab eine klare Rangordnung: von den ‘Weißen’ über die ‘Mischlinge’ und ‘Inder’ bis hin zu den ‘Schwarzen’. Die „Rassen“ wurden nicht nur räumlich getrennt, die ‘niederen Rassen’ wurden auch systematisch diskriminiert und ausgebeutet.
Die ’schwarze’ Bevölkerung wurde nach Sprache und geschichtlichem Hintergrund in „Stämme“, sogenannte Bantunationen eingeteilt. Jedem der zehn Stämme wurde ein Bantu-Homeland zugewiesen. Inder und Mischlinge wurden zu einer eigenen ‘Nation’ erklärt – allerdings ohne eigenes Gebiet.
Nur zwei Jahre nach der Machtübernahme der Nationalpartei waren alle BürgerInnen Südafrikas verpflichtet, sich in eine ‘Rasse’ einteilen zu lassen. Entschieden wurde nach Hautfarbe, Haarstruktur oder ‘Rasse’ der Eltern.
Die Abschiebung und Umsiedlung aller ‘Schwarzen’ aus den Städten und weißen Homelands war aber nicht möglich. Die ärmeren Bevölkerungsschichten arbeiteten unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen und waren eine sehr billige Arbeitskraft. So wurde dann 1950 der sogenannten ‘Group Area Act’ in Kraft gesetzt. Durch dieses Gesetz wurden ‘gemischtrassige’ Wohngebiete verboten und mit Gewalt zerstört, alle ‘nicht Weißen’ aus der Stadt vertrieben und sortiert nach ‘Rassen’ in ‘Townships’ untergebracht. Diese Townships wurden oft hinter den Industriegebieten erbaut, untereinander getrennt und von der Stadt abgeschottet
Die Situation heute
Obwohl sich seit dem Ende der Apartheid 1994 viel in der Politik Südafrikas getan hat, kann man das Erbe der Diskriminierung bis heute sehen – besonders in den Townships. Zwar wird in den Townships heute nicht mehr die ’schwarze Rasse’ abgegrenzt und versteckt, dafür aber die soziale Unterschicht, die immer noch fast ausschließlich schwarz ist. Südafrika ist das Land mit der weltweit zweitgrößten Ungleichheit zwischen Arm und Reich.
Noch immer gehören ein paar Tausend ‘weißen’ Farmern 72 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Südafrikas, die ‘Weißen’ verdienen im Durchschnitt 12mal so viel wie die ‘Schwarzen’.
Die Arbeitslosenquote Südafrikas liegt bei rund 30 Prozent, in den Townships wird sie ungefähr doppelt so hoch geschätzt. Das ist ein Grund, warum für viele Familien das Kindergeld (ca. 25 Euro im Monat) die einzige Einkommensquelle ist. Es bleibt oft kaum Geld, um die Schulausbildung und ausreichend Essen zu bezahlen. In vielen Familien wird das Geld in Alkohol investiert.
Auch wenn sich die Wohnbedingungen wie zum Beispiel die Wasser- und Stromversorgung deutlich verbessert haben, gibt es eine Masse an sozialen Problemen, mit denen die Leute in den Townships täglich konfrontiert sind. Die Ungleichverteilung und Arbeitslosigkeit fördern Drogenmissbrauch, Alkoholabhängigkeit, Kriminalität und Gewalt.
Auch die staatlichen ‘Townshipschulen’ sind nicht annähernd vergleichbar mit den privaten Schulen in der Stadt. Während die Privatschulen Austauschprogramme mit deutschen SchülerInnen organisieren oder zu Sportwettbewerben nach Kapstadt fliegen, wird in den Townships oft ohne Strom und Lehrmaterialien in überfüllten, alten Klassenräumen unterrichtet. Viele Universitäten haben ein europäisches Bildungsniveau, sind allerdings nur für einen geringen Teil der Bevölkerung zugänglich. Studieren ist teuer, nur die Besten bekommen ein staatliches Stipendium.
Auch die Folgen der ‘Bantuerziehung’ sind noch immer spürbar. Diese hat den ‘nicht Weißen’ bestimmte Bildungszugänge vorenthalten, wie zum Beispiel das Absolvieren eines Mathematikstudiums. So sind die Lehrer aus den Townships oft schlechter ausgebildet als ‘Weiße’.
Ein großes Problem in den Townships sind Krankheiten wie HIV/Aids oder Tuberkulose. Südafrika hat mit 13 Prozent die weltweit höchste HIV-Rate; in den Townships liegt sie sogar bei 30 Prozent. Geld für eine Behandlung mit Medikamenten ist für fast alle unbezahlbar. Obwohl die Krankheit die häufigste Todesursache ist, wird sie totgeschwiegen, Betroffene aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Die ärztliche Versorgung in den Townships ist wesentlich schlechter als in der Stadt, dafür aber günstiger. Mehr als die Hälfte der Medizin-Absolventen wandern ins Ausland ab, von den verbliebenen sind fast alle im privaten Bereich tätig und arbeiten nicht in öffentlichen Krankenhäusern.
Auch zwischen den Townships gibt es starke soziale Unterschiede. In manchen stehen Wellblechhütten, in anderen kleine Steinhäuser mit Garage und eigenem Auto. In diesen Gegenden leben die Einwohner oft gerne, denn sie sind nicht weit weg von der Familie und die Grundstückspreise sind viel geringer.
Noch immer haben sich sehr viele ‘weiße’ Südafrikaner noch nie in ihrem Leben in einem Township aufgehalten. Die Menschen leben noch immer in getrennten Welten. Wahrscheinlich wird es noch einige Generationenwechsel dauern, bevor die Apartheid endgültig zu Ende geht.
Eva W.
Eva war bis vor kurzem für ein halbes Jahr in Südafrika und hat in einem Township in Port Elizabeth gearbeitet.








