GAME BOY? – Über Kindersoldat_innen und Kinderkriege

„Jetzt ist es an euch, den Tod eurer Familien zu rächen und dafür zu sorgen, dass nicht noch mehr Kinder ihre Familien verlieren“, sagt der Leutnant bevor er die Maschinengewehre an die Kinder verteilt. Eigentlich sind Ishmael und seine Freunde zu dem Militärstützpunkt gekommen, um Schutz zu suchen. Nachdem Rebellen ihr Dorf zerstört und ihre Familien getötet haben, waren sie tagelang auf der Flucht und wussten nicht wohin, bis sie zu dem Stützpunkt kamen. Dort werden sie plötzlich zusammen mit hunderten anderer Kinder zu Tötungsmaschinen ausgebildet. Ihnen wird gezeigt, wie sie mit Maschinengewehren umgehen müssen und sie werden mit Drogen vollgepumpt, um alle menschlichen Gefühle zu unterdrücken.

„So machst du Kinder zu Soldaten“, erklärt Ishmael heute: „Du zerstörst alles was sie kannten, du zerstörst ihre Familien, ihre Städte, und dann kannst du sie manipulieren und auf Drogen bringen. Sie tun dann alles, was du willst“. So machen es die verschiedenen Rebellengruppen, so macht es die staatliche Armee. Der polnische Journalist und Afrika-Experte Ryszard Kapuscinski erklärte die Lage einmal so: „In Afrika werden Kinder massenweise von Kindern getötet, und das schon seit Jahren. Die Kriege auf diesem Kontinent sind in Wahrheit Kinderkriege“.

Weltweit werden in über 85 Ländern Kinder als Soldat_innen benutzt. UNICEF schätzt ihre Zahl auf über 300.000. Viele von ihnen sind noch nicht einmal im Schulalter. Sie fliehen auf der Suche nach Nahrung oder weil sie ihre Familien verloren haben zu den Militär-Camps oder werden einfach zwangsrekutiert. Im Krieg werden sie als Lastenträger_innen für Waffen und Munition herangezogen, sie müssen Minen aufspüren oder auslegen und werden als Wachen oder Kundschafter_innen eingesetzt. Vor allem aber stehen sie in den Kampfeinsätzen an vorderster Front.

Der Einsatz von Kindern in Kriegs- und Konfliktsituationen ist ein klarer Verstoß gegen die UN-Kinderrechtskonvention. Außerdem ist der Einsatz von Kindersoldaten unter 15 Jahren ein Kriegsverbrechen und könnte vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verfolgt werden.
Doch trotz dieser Verpflichtungen herrscht bis heute ein großer Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Nur die wenigsten Kindersoldat_innen schaffen es, dieser Hölle zu entkommen. Ishmael Beah hatte Glück, als er von UNICEF ausgewählt wurde und in ein Rehabilitierungszentrum kam. Heute arbeitet er für Human Rights Watch und hat ein beeindruckendes Buch über seine Zeit als Kindersoldat geschrieben*. Vielen ehemaligen Kindersoldat_innen werden aber noch heute elementarste Bedürfnisse verwehrt. Wenn die Kinder, die jahrelang Unvorstellbares erlitten haben, irgendwie die Flucht nach Europa geschafft haben, werden ihre Hoffnungen auch in Deutschland oft gnadenlos zerstört. Statt einer angemessenen psychologischen und pädagogischen Betreuung, erwartet die Kinder oft ein anonymer, kaum zu verstehender Behördendschungel und die Abschiebehaft. Das Kinderhilfswerk „terre des hommes“ fasste die Situation für Kindersoldat_innen, die nach Deutschland geflüchtet sind, 2007 treffend zusammen: „Der Umgang mit ehemaligen Kindersoldaten in Deutschland ist unmenschlich und völkerrechtswidrig. Obwohl sie schlimmste körperliche und seelische Verletzungen erlitten haben, werden sie bis auf wenige Ausnahmen nicht als politische Flüchtlinge anerkannt und leben in Deutschland nur mit einer Duldung – einer ausgesetzten Abschiebung. Das Ausländerrecht hat in Deutschland derzeit Vorrang vor dem Kinderrecht: Zuerst ist man Ausländer, dann Kind.“

Christoph M.

Buchtipps:

*Ishmael Beah – Rückkehr ins Leben – Ich war Kindersoldat.
Reiner Engelmann – Kinder: ausgegrenzt und ausgebeutet.

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