Schweinegrippe und Versorgungskrise
Der extrem ungleich verteilte Zugang zu Leistungen des Gesundheitssystems zeigt sich anhand der Schweinegrippeepidemie drastisch. Während in Europa die heilenden Tamiflu-Dosierungen für Millionen Menschen in Pflichtlagern vorrätig sind, hat es andernorts nicht mal genügend Medikamente, um das medizinische Personal zu schützen.
Die Schweinegrippe breitet sich aus – die Medikamente nicht.
Gut versorgt!?
„Die Welt war noch nie so gut auf eine Pandemie vorbereitet wie heute“, so eine Sprecherin des Tamiflu-herstellenden Pharmaunternehmens Roche. Beispielsweise gibt es in Deutschland längst genügend Medikamente um jede_n Vierte_n zu behandeln. In den anderen Ländern der Europäischen Union sieht es mit den Medikamentenvorräten ähnlich aus.
Anders ist die Situation in Mexiko, wo mittlerweile alle Apotheken leergekauft sind. Letztes Wochenende haben die mexikanischen Gesundheitsbehörden den gesamten Vorrat an Tamiflu aufgekauft und können damit theoretisch jede_n 250. Bewohner_in Mexikos versorgen.
Doch auch in Mexiko wird der Vorrat ungleich verteilt. Der Gesundheitsminister des mexikanischen Bundesstaats Oaxaca, in dem inzwischen neben einem bestätigten Todesfall 53 Menschen wegen schwerer Lungenentzündung und Verdacht auf das Schweinegrippe-Virus in ärztlicher Behandlung sind, hat zwar bekannt gegeben, auch über genügend Arzneimittel zu verfügen, doch für die Bevölkerung von 3,6 Millionen Menschen sind in diesem Bundesstaat nur insgesamt 450 Dosierungen vorrätig, was einer einzigen Tamiflu-Packung pro 8000 Personen entspricht.
Im Norden des benachbarten Bundestaats Chiapas gibt es für die 400.000 Einwohner_innen des Gebiets Palenque keines der beiden heilenden Medikamente Tamiflu oder Relenza und es sind auch keine Medikamente aus der Hauptstadt unterwegs – die Menschen haben dem Virus nichts entgegenzusetzen.
Ausdruck der unmenschlichen Weltordnung
Die drohende Grippe-Pandemie ist Ausdruck einer unmenschlichen Weltordnung, auch im Bereich Gesundheit. So verwenden Pharmaunternehmen einen Großteil ihrer Ressourcen in die Herstellung neuer Lifestyle-Präparate. Medikamente gegen tödliche Armutskrankheiten hingegen werden erst gar nicht erforscht, da die meisten daran Erkrankten kein Geld für teure Medikamente haben. Pharmaunternehmen stellen heutzutage keine Medikamente her um das Leiden der Menschen zu mildern, sondern um Profite zu erwirtschaften.
Es geht auch anders
Es gibt aber auch andere Ideen eine Gesellschaft zu organisieren. Die Zapatistas, eine politische Bewegung, die 1994 im mexikanischen Bundesstaat Chiapas mit den Worten „Für alle alles!“ in Erscheinung trat, bauen in dem größtenteils von Indigenen bevölkerten Bundesstaat unter anderem ein autonomes Gesundheitssystem auf, das möglichst kostenlos für alle Menschen verfügbar sein soll. Dieses soll sich nicht an Profiten und Gewinnmaximierung orientieren, sondern an den Bedürfnissen der Menschen und an den dafür vorhandenen Ressourcen.
Die zahlreichen zapatistischen Kooperativen, die ohne Hierarchien und Chefs beispielsweise Kaffee verkaufen, müssen sich zwar auch den Gesetzen der Konkurrenz unterwerfen, hier kommen aber die Einnahmen nicht Einzelnen zugute, sondern werden beispielsweise für den Aufbau eines kostenlosen autonomen Schulsystems verwendet.
Die fünf Hauptunterstützungszentren der Zapatistas, die „Caracoles“, was soviel heißt wie “Schneckenhäuser“, beherbergen die Räte der guten Regierung, die zentralen Regierungsinstanzen der zapatistischen Bewegung. Diese wechseln wöchentlich und ermöglichen somit vielen Menschen bei den grundlegenden Entscheidungen mitzubestimmen und zu lernen, wie sie sich aktiv am politischen Alltagsleben beteiligen können. Bei der Entscheidungsfindung nehmen sich die Räte genügend Zeit. Manchmal kann es Tage dauern, bis es eine Übereinkunft gibt, da eine Entscheidung nur dann getroffen wird, wenn alle aktuellen Mitglieder_innen des Rates übereinstimmen.
Leider sind Versuche unser Zusammenleben freier und gerechter zu organisieren weltweit noch immer nur in verschwindend geringer Zahl anzutreffen. Doch es gibt sie und das gibt Grund zur Hoffnung.
Tim
Weitere Infos:
- Rebellischer Kaffee: www.cafe-libertad.de
- Aktuelle Infos zu den Chiapas: www.chiapas98.de
- Vorbereitungsseminare für Menschenrechtsbeobachtung in Chiapas: www.buko.info/carea
Tim ist gerade als Menschenrechtsbeobachter in zapatistischen Gemeinden unterwegs. Er freut sich, wenn sich viele Menschen auf seinem Blog www.caracol.blogsport.de weiter über die Lage in Chiapas informieren.
Foto: huehni / jugendfotos.de

