Was kostet dein Handy wirklich?
Aug 28th, 2008 • Kategorie: Globalisierung und Internationales, Migration und Antirassismus, Online Magazin, Wirtschaft und Soziales92% der deutschen Jugendlichen besitzen ein Handy - Tendenz steigend. Ist ja auch praktisch, man ist immer überall erreichbar, die Handys werden immer kleiner und können immer mehr. Mit Glück staubt man noch einen guten Vertrag ab, der garantiert, dass man nach ein bis zwei Jahren das neuste Modell bekommt.
Für die meisten Jugendlichen zählt das Design, die Pixelzahl der Kamera oder der Speicherplatz für den neuesten Klingelton. Kaum jemand fragt sich, warum das Handy so billig ist. “Ich habe keine Ahnung, wo mein Handy hergestellt wurde. Dass es von Menschen produziert wurde, die unter schlechten Bedingungen sehr hart arbeiten müssen, wusste ich nicht”, so die 14-jährige Charlotte aus Amsterdam. Leider sieht die Realität in der IT-Branche (Information Technology) genau so aus.

Die führenden Unternehmen produzieren längst nicht mehr in Europa. Viel größeren Gewinn können sie erzielen, wenn sie in Ländern produzieren lassen, in denen kaum Lohn- oder Arbeitsstandards eingehalten werden. So stammt die Hälfte unserer Laptops und Handys aus China. Dort sind keine unabhängigen Gewerkschaften zugelassen, die sich für bessere Arbeitsrechte einsetzen könnten. Die Beschäftigten wollen meist vor der Armut in den ländlichen Regionen flüchten und sind größtenteils Frauen. Sie hoffen, in der Stadt einen Job zu finden, von dem sie leben und Geld an die Familie schicken können. Allerdings müssen sie in den IT-Fabriken 12 Stunden täglich für einen Hungerlohn schuften und obwohl sie oft mit mehreren anderen Wanderarbeiterinnen einen Schlafraum teilen, reicht das Geld kaum aus um sich zu ernähren. Deshalb müssen die Arbeiterinnen häufig viele Überstunden einlegen. Hinzu kommt, dass der Arbeitsschutz zumeist unzureichend ist und die Arbeiterinnen giftigen Chemikalien ungeschützt ausgesetzt sind, so dass sie ihr angespartes Geld oft für Arztkosten ausgeben müssen. Doch unsere Handys legen einen noch viel weiteren und blutigeren Weg zurück.
In Handys sind bis zu 30 verschiedene wertvolle Metalle verarbeitet. Existenzielle Rohstoffe für die IT-Branche wie Zinn oder Coltan stammen aus Krisengebieten, wie der Demokratischen Republik Kongo. Der Streit um diese Metalle hat dort einen grausamen Bürgerkrieg mit verursacht. Auch heute noch schöpfen nordamerikanische und europäische Bergbaufirmen viel Gewinn aus den Minen der Region. Schließlich können in solchen Gegenden kaum ökologische Standards kontrolliert werden. Auch die Arbeitskräfte sind billig. Weniger als 2 Euro verdient ein Bergarbeiter an einem Tag. Arbeitsschutz gibt es nicht und selbst in dem etwas stabileren Nachbarland Sambia, starben 80 Minenarbeiter beim Kobaltabbau allein im Jahr 2005 - und das ist nur die offizielle Zahl. Einige von ihnen waren Kinder – es wird geschätzt, dass weltweit bis zu 1,5 Millionen Kinder im Bergbau arbeiten müssen, einige von ihnen gerade mal 7 Jahre alt. Sie können nicht zur Schule gehen, weil sie Geld für ihre Familie verdienen müssen. Und all das nur, damit wir immer modernere und billigere Handys bekommen.

Langsam aber sicher setzt sich allerdings das Bewusstsein in der Bevölkerung der Industrieländer durch, dass es so nicht weitergehen kann. Mehrere europäische Nichtregierungsorganisationen (NGOs) haben die Kampagne makeITfair ins Leben gerufen. makeITfair will Druck auf die Unternehmen ausüben und sie dazu bewegen, die Umstände für Mensch und Natur in ihrer Wertschöpfungskette zu verbessern. Anfang diesen Jahres wurde eine Umfrage unter europäischen Jugendlichen durchgeführt: Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass sie bereit wären bis zu 10% mehr zu zahlen, falls das Handy fair produziert würde. Immerhin 45% würden sich auch an Aktionen beteiligen um die IT-Branche fairer zu gestalten. Solch eine Aktion wird beispielsweise auf der Homepage von makeITfair angeboten. Dort kann man eine eMail an die großen Elektronikunternehmen verschicken, in der man sie auffordert Sozial- und Umweltstandards in ihrer Produktionskette durchzusetzen. Anscheinend hat dies auch schon Wirkung gezeigt. Im Juni erklärten sich einige IT-Konzerne bereit, Nachforschungen bei ihren Rohstoff-Zulieferern anzustellen. Es ist also schon einmal ein Ansatz da. Bleibt zu hoffen, dass sie ihren Worten auch Taten folgen lassen. Da aber für die Unternehmen einzig und allein die Kaufbereitschaft der KundInnen zählt, dürfen diese nicht aufhören, immer weiter Druck auf die Unternehmen auszuüben!
Beteiligen könnt ihr euch auf der Seite www.makeitfair.org
Die genauen Umfrageergebnisse gibt es unter hier.
Valentin Domann ist 16 Jahre alt und hat im Juli ein Praktikum bei der Organisation Germanwatch absolviert, die makeITfair mitträgt.


