Wut für die Würde

Der Aufstand der zapatistischen Befreiungsarmee in Südmexiko

Die Situation ist typisch für weite Teile der Welt: Wenige Menschen besitzen viel Land, viele Menschen besitzen wenig Land. Dass das nicht so bleiben muss, zeigt der Aufstand der Guerillaorganisation EZLN im mexikanischen Bundesstaat Chiapas.

Seit Spanien vor mehr als 500 Jahren in den mittleren Teil Amerikas eingefallen ist, führt der Großteil der in Mexiko lebenden indigenen Bevölkerung ein menschenunwürdiges Leben. Rassismus und Ausbeutung sind die Folgen des dominanten Auftretens der Eindringlinge. Nach und nach wird den “campesin@s”, den Bäuerinnen und Bauern, durch den stetigen Landraub ihre Lebensgrundlage genommen, sodass sie ihre Arbeit auf den Feldern der Großgrundbesitzer zu Hungerlöhnen verkaufen müssen.

Armut im Süden
Die mexikanische Revolution von 1910 brachte unter anderem eine Landreform. Diese und weitere Errungenschaften sind aber nie im Süden des Landes angekommen. Der natürliche und landwirtschaftliche Reichtum im südlichsten mexikanischen Bundesstaat Chiapas wird vom Staat und von Wirtschaftsunternehmen beansprucht. Dazu gehören zum Beispiel Erdölvorkommen und die enorme Tierarten- und Pflanzenvielfalt (Biodiversität).
Gleichzeitig lebt der Großteil der indigenen bäuerlichen Landbevölkerung in Armut. Viele haben weder Zugang zum Gesundheits- und Bildungssystem, noch zu sauberem Trinkwasser und Strom. 1993 starben 15.000 Indigene auf Grund von Armutskrankheiten und Unterernährung.
Dennoch trat am 1. Januar 1994 das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) zwischen den USA, Mexiko und Kanada in Kraft. Dieses setzte die mexikanische Bäuerinnen und Bauern einem unfairen Wettbewerb mit nordamerikanischen Konzernen aus und verschärfte die Armut und Arbeitslosigkeit im Süden des Landes. Die Schere zwischen Armen und Reichen öffnete sich weiter.

“Für alle alles!“
Die Proteste der Bevölkerung gegen diese Zustände blieben vorerst ungehört. Dies ändert sich am 1. Januar 1994: Während die politische Elite Mexikos ausgelassen Neujahr feiert, stürmt die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung im Morgengrauen die Bezirksstädte im Bundesstaat Chiapas. Heute ist die Guerillaorganisation, die sich in der Tradition des Revolutionsführers Emilio Zapata sieht, unter dem Namen EZLN bekannt (Ejército Zapatista de Liberación Nacional). Während sie die Rathäuser einnehmen, fordern die Sprecher: “Alles für alle!” und “Arbeit, Land, Wohnraum, Ernährung, Gesundheit, Bildung, Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden!”

Land wird nicht verkauft
Um für die “campesin@s” eine langfristige Lebensgrundlage zu sichern, besetzte die EZLN während ihres Aufstands noch im gleichen Jahr über 100.000 Hektar Land. Diese Fläche – größer als Berlin – kann seitdem nicht verkauft werden, sondern steht denjenigen zu, die es für den eigenen Lebensunterhalt bewirtschaften. Dadurch haben viele die Möglichkeit ein selbstbestimmteres und würdevolleres Leben zu führen.

Was die EZLN von anderen Guerillaorganisationen unterscheidet , ist ihr Anspruch, sich basisdemokratisch zu organisieren und – wenn möglich – in Kooperativen zu arbeiten. Die Armee hat sich aber weitgehend aus zivilen Strukturen herausgezogen. Diese organisieren unter anderem die Verteilung von Grundnahrungsmitteln sowie autonome Bildungs- und Gesundheitssysteme. Eine Übernahme der Staatsmacht lehnt die EZLN klar ab: “Man muss die Welt nicht erobern. Es reicht, sie neu zu schaffen.”

Tim

Tim ist gerade als Menschenrechtsbeobachter in zapatistischen Gemeinden unterwegs.

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