LeserInnenbrief: Atomwaffen sichern den Frieden?

Sehr Geehrtes Utopia-Team,
Ich finde eure Arbeit gut und ich bin von Euren Ansichten größtenteils
überzeugt. Ich muss aber zu einem Artikel aus der neusten Ausgabe der
Utopia etwas sagen : In dem Artikel
“Wenn die Bombe nicht mehr richtig tickt” teilt ihr uns mit zu, was die
schlechten Seiten der Atombomben in Deutschland oder weltweit sind. Die
einzige gute Seite und das schlimmste an der ganzen Sache ist, dass
leider gerade Atomwaffen den Frieden seit dem 2. Weltkrieg bewaren. Gäbe
es keine Massenvernichtungswaffen , wären die Bedenken der Politiker
einen neuen Krieg zu erklären stark “dezimiert”. Es ist zwar schade,
dass gerade Waffen den Frieden sichern, aber in diesem Fall ist das so.
Besser wäre es natürlich, wenn die ganze Welt abrüsten würde, aber das
ist leider warscheinlich Wunschdenken. Aber auch wenn alle Atomwaffen
abgeschafft wären, wären ebenfalls die Bedenken einen Krieg zu erklären
beseitig. Atombomben und Massenvernichtungswaffen sind also ein leider
notwendiges Übel.
Seht Ihr das garnicht so ?
Ich würde mich über baldige Antwort freuen.
Gruß
Stefan Reiners

PS:
Ansonsten kann ich nichts gegen eure Arbeit sagen, es war nur dieser
eine Punkt, der mir auffiel.

Antwort

Lieber Stefan,

ich habe von der Utopia-Redaktion deine Antwort auf meinen Artikel über Atomwaffen in Deutschland bekommen. Tut mir leid, dass ich dich so lange habe warten lassen, aber jetzt bekommst du eine Antwort darauf. Allerdings vertrete ich damit meine eigene Meinung (also möglicherweise nicht exakt die der Redaktion).
Was du ansprichst, ist das Konzept der MAD-Doktrin (mutual assured destruction – gegenseitig zugesicherte Zerstörung). Das heisst eben, dass die Abschreckun durch Atomwaffen den jeweiligen Gegner davon abhalten sollte, einen Krieg zu beginnen, da die Gefahr durch einen atomaren Gegenangriff zu groß war.
Ich werde im Folgenden versuchen, dir ein paar Gegenargumente zu nennen,  weshalb ich nicht der Meinung bin, dass die Existenz von Atomwaffen den Weltfrieden gesichert haben (und immer noch sichern):
Es erscheint zwar durchaus einleuchtend, dass das Bewusstsein über die bestehende Gefahr bei den Atomwaffen-Staaten zu einer gewissen Zurückhaltung geführt hat, was das Führen eines offenen Angriffskriegs betrifft. Wirklich verhindernt werden konnten Kriege allerdings auch so nicht. Denn in der Zeit des kalten Kriegs hat eine Reihe von Kriegen stattgefunden, in denen sich die beiden Blöcke mehr oder weniger direkt gegenüberstanden, oder zumindest verschiedene Kriegsparteien unterstützt haben (z.B. Korea-Krieg, Vietnam-Krieg, der erste Golfkrieg, der Bürgerkrieg in Afghanistan, etc.). Man spricht dabei von Stellvertreterkriegen (findest du z.B. auf Wikipedia). Das heisst, dass durchaus Kriege stattgefunden haben, in denen sich die beiden Blöcke gegenüberstanden. Deshalb würde ich nicht davon sprechen, dass in der Zeit des kalten Kriegs Frieden geherrscht hat. Die Abschreckung durch Atomwaffen hat ihr Ziel also wohl nicht erreicht. Auch abgesehen von den Kampfhandlungen finde ich nicht, dass man einen Zustand als Frieden bezeichnen kann, in dem die gesamte Welt dauerhaft in der Angst lebt, dass jeden Moment eine Atombombe die ganze Welt zerstören könnte.

Ausserdem haben die Atomwaffen sogar fast zum Ausbruch eines dritten Weltkriegs geführt : Um vor der eigenen Zerstörung schnell genug einen Gegenangriff fürhen zu können (gewissermassen als Abschreckung vor dem atomaren Erstschlag) haben die beiden Blöcke Frühwarnsysteme aufgebaut, die einen gegnerischen Angriff bemerken sollten. Im September 1983 ging das sowjetische Frühwarnsystem los – wie sich im Nachhinein herausstellte handelte es sich um einen Fehlalarm. Darauf hätte die sowjetische Armee eigentlich mit einem atomaren Gegenangriff geantwortet. Man muss es als ein enormes Glück betrachten, dass der damals zuständige Soldat keinen Gegenangriff initiierte.
Die MAD-Doktrin hätte die Welt also damals fast in den dritten (und wahrscheinlich letzten) Weltkrieg getrieben.

Abgesehen davon sollte die Forderung nach der Abschaffung aller Atomwaffen natürlich nicht isoliert betrachtet werden. Die Existenz von Atomwaffen ist eher ein Aufhänger, an dem man sieht, dass in dieser Welt so einiges schlecht läuft. Wenn ich allerdings fordere, alle Atomwaffen abzuschaffen, dann denke ich dabei natürlich daran, dass diese Forderung nur ein erster Anfang sein kann. Wären wir tatsächlich in einer Situation, in der die Aussicht besteht, dass die Regierungen aller Atomwaffenstaaten sich zur Abschaffung ihrer Waffen entschliessen, dann wäre die nächste Forderung natürlich die Abschaffung von Armeen und Waffen. Solange das aber eher unwahrscheinlich ist, finde ich es sinnvoll, zumindest Minimalforderungen zu stellen, und eine solche ist die Abschaffung aller Atomwaffen, insbesondere der in Deutschland stationierten.

Ich hoffe, ich konnte dir hilfreich auf deine Frage antworten!

Mit radikaldemokratischen Grüßen
paul

1 Comment

Trackbacks

  1. Wenn die Bombe nicht mehr richtig tickt bei Utopia | Jugendzeitung für eine herrschaftslose und gewaltfreie Gesellschaft