Protest per Mausklick

Bequemer geht’s kaum noch, und das Internet macht’s möglich: Online-Protestaktionen erfreuen sich reger Beteiligung. Mit wenigen Mausklicks kann jede_r schnell eine Protestmail an die Landwirtschaftsministerin senden, Unmut über Internetsperren äußern oder Freiheit für politische Gefangene fordern.

Netzwerke wie Campact informieren über ihre Emailverteiler die Unterstützer_innen über ihre geplanten Kampagnen. Die Empfänger_innen müssen dann meist nur noch ihren Namen und die Adresse eingeben. Mit dem Klick auf den „Senden“-Button geht die Mail dann raus – und überflutet zusammen mit – im besten Falle – fast 100.000 anderen das Postfach des oder der Angeschriebenen. Der Text ist dabei fast immer vorgefertigt, in manchen Fällen kann noch eine eigene Notiz hinzugefügt werden.
Eine andere Variante des Online-Aktivismus‘ sind virtuelle Sit-Ins, wie sie zum Beispiel aus Protest gegen Abschiebungen  auf der Homepage der Lufthansa organisiert wurden. Eine große Anzahl von Aktivist_innen lädt alle paar Sekunden eine Internetseite. Dadurch soll diese für einen gewissen Zeitraum verlangsamt oder ganz lahmgelegt werden. Dafür gibt es häufig eine Protestsoftware, die selbständig den „Aktualisieren“-Befehl wiederholt. Bei dieser Internet-Blockade werden aber weder Daten noch Computersysteme zerstört.

Foto: Michael Schulze von Glaßer

Foto: Michael Schulze von Glaßer

Mit solchen Aktionsformen können auch Menschen, die keine Zeit für eine Demoteilnahme haben, aktiv werden. Fraglich ist nur, wie wichtig diesen das Anliegen wirklich ist – das lässt sich auch in der Zeit, die für die Aktion aufgewendet wird, messen. Außerdem wissen auch die Empfänger_innen der Protestmails, meist Berufspolitiker_innen oder Unternehmensvorstände, wie einfach das Unterzeichnen im Internet ist. Ob sie von den Mails wohl dennoch beeindruckt sind? Ein virtuelles Sit-In und das Lahmlegen der Website scheinen da schon wirkungsvoller zu sein.

Eindrucksvolle Bilder für die Medien liefern aber nur reale Demonstrationen und andere Aktionen. Diese Ausdrucksformen verleihen dem Protest ein Gesicht und zeigen, dass es echte Menschen sind, die Widerstand leisten. Bei Online-Demos entsteht gar kein räumlicher Kontakt zwischen den einzelnen Teilnehmer_innen, somit sind auch Diskussionen  nur schwer möglich. Dabei lebt aber emanzipatorisches politisches Engagement vom Austausch und Kontakteknüpfen. Gleichgesinnte zu sehen und das „Zusammen sind wir stark“-Gefühl zu erleben geht eben schwer im Web 2.0. Und: Je kreativer die Aktionsform, desto mehr öffentliche Aufmerksamkeit, Medienecho und vielleicht auch Umdenken kann erreicht werden. Deswegen bleibt zu hoffen, dass Online-Proteste eine weitere Funktion erfüllen: Durch das Schneeballsystem können eine Menge Leute mobilisiert und zum Nachdenken angeregt werden. Und einige bekommen vielleicht Lust auf mehr Engagement – auch außerhalb der virtuellen Welt.

Ani K.

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