Wie Roma zu “Zigeunern” werden

Eine self-fulfilling prophecy der deutschen Abschiebepraxis

Zehn Jahre nach dem Ende des Kosovokriegs droht etwa 10.000 in Deutschland lebenden Roma die Abschiebung zurück in den Kosovo. Armut, Diskriminierung, Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit erwarten sie dort.

Die Diskriminierung und rassistische Verfolgung von Roma hat in Europa eine lange Geschichte. Den grausamen Höhepunkt dieser Geschichte bildeten ihre Deportation in Konzentrationslager und der an 500.000 Sinti und Roma verübte Massenmord durch das nationalsozialistische Deutschland. Auf der Grundlage weitverbreiteter Vorurteile wurden die als faul, arbeitsscheu, exotisch und kriminell geltenden “Zigeuner” damals zu einer minderwertigen Rasse erklärt, verfolgt und getötet.
Doch auch heute sind Roma vielfältigen Diskriminierungen ausgesetzt. Der europäischen Grundrechteagentur (FRA) zufolge handelt es sich bei den Roma um die größte, aber auch am häufigsten diskriminierte Minderheit in der EU: Ausgegrenzt in Ghettos in Ungarn oder Rumänien, ohne Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung, kriminalisiert durch staatliche Behörden. Mitglieder der europäischen “Mehrheiten” haben sich scheinbar problemlos daran gewöhnt, Roma in diesen Lebensumständen zu sehen. Auch in Deutschland tut man alles, um diese Gewohnheit beibehalten zu können: eine anstehende Massenabschiebung in den Kosovo bedroht die Existenzen von etwa 10.000 in Deutschland sesshaften Roma.
Vor zehn, teilweise gar zwanzig Jahren flohen diese Menschen aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens nach Deutschland. Zu einer ersten Fluchtwelle kam es nach der Zersplitterung Jugoslawiens in etliche, nach Ethnien separierte Teilrepubliken. Die verbliebenen Roma lebten dort ohne eigenen Nationalstaat als Minderheiten. Ende der neunziger Jahre eskalierte im Kosovo der Konflikt zwischen der herrschenden serbischen Minderheit und der albanischen Mehrheit. Die Roma gerieten als drittgrößte Bevölkerungsgruppe zwischen die Konfliktparteien und wurden als mögliche Verbündete der jeweils gegnerischen Gruppe wahrgenommen. Sie wurden vertrieben und ihre Siedlungen zerstört, um eine Rückkehr zu verhindern.
Ein Abkommen zwischen Deutschland und Kosovo regelt nun die Abschiebung von 10.000 hierher geflohenen Roma zurück in den Kosovo. Die Familien leben und arbeiten hier, viele Kinder können kein Serbisch, kein Albanisch, sondern sprechen Deutsch als Muttersprache. Im Kosovo droht den Rückkehrenden neben Diskriminierungen die Bedrohung ihrer nackten Existenz: zu fast hundert Prozent arbeitslos haben bereits Zurückgekehrte keinen Zugriff auf Gesundheitsversorgung, leben in Obdachlosigkeit, provisorischen Flüchtlingsunterkünften oder bestenfalls bei Verwandten. Roma-Kindern wird der Schulbesuch verwehrt. „Gab und gibt es deshalb keinen Aufschrei, weil sich die Öffentlichkeit schon so sehr an das Bild von in Wellblechhütten lebenden “Zigeunern” gewöhnt hat?“, fragt deshalb der Politologe Dirk Auer im Sammelband „Antiziganistische Zustände“ und fasst so zusammen, was auch in der deutschen Asylpolitik neuerlich zum Ausdruck kommt: Die Gewohnheit, den Roma die beständige Rolle der Ausgegrenzten zuzuweisen. „Zeigt sich hier vielleicht die Beharrlichkeit des Bildes von “Zigeunern” als einer nicht-sesshaften, verelendeten Gruppe von Analphabeten, für die Vertreibung und das Leben im Slum weniger dramatisch sind – weil sie es ja gewohnt sind?“

Agnes

Agnes (22) wundert sich von FfM aus über die Welt und studiert den Rest der Zeit.

Comments are closed.