Psychologische Kriegsführung
Wie die Bundeswehr die Klassenzimmer erobert.
Über 500 Menschen demonstrierten am 23. Januar laut und bunt auf den Straßen der Stadt Freiburg in Baden-Württemberg gegen die Militarisierung von Bildungseinrichtungen. Der Protestzug unter dem Motto „Bundeswehr raus aus den Klassenzimmern“ war der bundesweit erste gegen Militärs an deutschen Schulen. Die Bundeswehr hat mittlerweile viele Wege gefunden, neue RekrutInnen in den Schulen anzuwerben. Zudem sollen schon die jungen Menschen von der Notwendigkeit des Militärs und seiner Kriegseinsätze überzeugt werden.
Kanonenfutter und Akzeptanz
Doch warum braucht die Bundeswehr überhaupt neue Leute? In Deutschland gibt es zwar eine Wehrpflicht, dennoch werden immer weniger junge Menschen als „tauglich“ eingestuft. Zudem gibt es die Möglichkeit den Dienst an der Waffe zu verweigern und einen zivilen Ersatzdienst zu leisten. „Gut ausgebildete, gleichermaßen leistungsfähige wie leistungswillige Soldatinnen und Soldaten sowie zivile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Grundvoraussetzung für die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr“, heißt es im aktuellen „Weißbuch 2006 – zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr“ des Bundesministeriums der Verteidigung. Trotz eines generellen Personalabbaus beziffert die deutsche Armee ihren Personalbedarf in dem zukunftsweisenden Strategiepapier mit jährlich „20.000 jungen Frauen und Männern“. Um diesen Bedarf sicherzustellen ist ihr jedes Mittel Recht: auch der Einzug in die Schulen. Nicht zuletzt geht es der Bundeswehr aber auch um die „Herzen und Köpfe“, wie es im militärischen Jargon heißt. Auslandseinsätze wie der in Afghanistan werden von der heimischen Bevölkerung immer noch kritisch gesehen und teilweise sogar von einer breiten Mehrheit abgelehnt. Dem wirkt die Bundeswehr mit einer gründlichen Image-Pflege entgegen. Ziel ist es die Akzeptanz weltweiter Militäreinsätzen zu erhöhen – Krieg soll wieder ein berechtigtes Mittel der Politik werden. Diese Militarisierung setzt schon bei den Jüngsten an – den SchülerInnen.

Kooperation und Ausbildung
Am 29. Oktober 2008 wurde in Nordrhein-Westfalen die bundesweit erste Kooperationsvereinbarung zwischen einem Landesschulministerium und der Bundeswehr unterzeichnet. Der Vertrag sieht vor, dass Jugendoffiziere im „schulischen Kontext Schülerinnen und Schüler über die zur Friedenssicherung möglichen und/oder notwendigen Instrumente der Politik“ informieren. Eines dieser Instrumente ist das Militär. „Dabei werden“, so heißt es im Vertragstext weiter, „Informationen zur globalen Konfliktverhütung und Krisenbewältigung genauso wie Informationen zu nationalen Interessen einzubeziehen sein.“ Das nationale Interesse Deutschlands umfasst laut dem Bundeswehr-Weißbuch auch die Sicherung von Rohstoffen für die deutsche Wirtschaft. Ab der fünften Schulklasse soll eine Politik vermittelt werden, die den Einsatz des Militärs zur Sicherung des Zugangs zu Rohstoffen und Märkten als vollkommen berechtigt erachtet. Wenn ein Land seine Rohstoffe nicht an Deutschland verkaufen will, muss es mit einem militärsichen Eingreifen rechnen. Für die Kooperation zwischen Bundeswehr und Schulen wurden in der Vereinbarung einige Grundlagen festgehalten:
- Eine Intensivierung der Zusammenarbeit im Rahmen der politischen Bildung.
- Die Möglichkeit der Einbindung der Jugendoffiziere in die Aus- und Fortbildung von ReferendarInnen und Lehrkräften.
- Die Möglichkeit der Teilnahme von Lehrkräften und Bediensteten des Schulministeriums bei Aus-, Fort- und Weiterbildungsseminaren der Bundeswehr und von Besuchen in Militäreinrichtungen.
Mit der Aus- und Fortbildung von ReferendarInnen versucht die Armee ihren Einfluss auf den Schulunterricht zu verschleiern: nicht die Angehörigen der Bundeswehr bringen den SchülerInnen bei, dass Militär ein berechtigtes Mittel der Politik ist, sondern die jungen – scheinbar neutralen und daher unverdächtigen – LehrerInnen. Da die Bundeswehr-Besuche an Schulen im Rahmen des normalen Unterrichts stattfinden, herrscht Anwesenheitspflicht.
Auch im Saarland (März 2009) und in Baden-Württemberg (Dezember 2009) gibt es mittlerweile Zusammenarbeit zwischen Armee und Schulministerium, in Rheinland-Pfalz ist eine Vereinbarung in Planung – der Wortlaut entspricht jeweils dem der Vereinbarung aus NRW.
Jugendoffiziere und Wehrdienstberater
Jugendoffiziere, junge Männer und Frauen mit einem abgeschlossenem Studium und langjähriger militärischer Erfahrung in der Bundeswehr, sind ein grundlegender Bestandteil der Nachwuchs- und Öffentlichkeitsarbeit der deutschen Armee. Die Einheit wurde 1958 – nur drei Jahre nach Gründung der Bundeswehr – ins Leben gerufen um den Ruf der Armee zu verbessern. Heute gibt es 94 hauptamtliche und über 300 nebenamtliche Jugendoffiziere, die an der Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation (früher: Amt für psychologische Kriegführung) ausgebildet werden. Neben der fachlichen Ausbildung werden die Jugendoffiziere auch in Rhetorik geschult.
Haupteinsatzgebiet der zwischen 27 und 35 Jahre alten Jugendoffiziere sind Schulen: 2008 führten die 94 hauptamtlichen Jugendoffiziere 8.061 Veranstaltungen mit 199.227 TeilnehmerInnen durch, von denen 175.450 Jugendliche waren. Die meisten Veranstaltungen waren Vorträge zu Themen wie „Der Soldat als Staatsbürger in Uniform“ oder „Auslandseinsätze der Bundeswehr“. 360 Simulationen des POL&IS-Spiels mit rund 17.500 SchülerInnen, LehrerInnen sowie StudentInnen und ReferendarInnen wurden an mehr als 2.000 Seminartagen durchgeführt. 2008 wurden außerdem 647 „Besuche bei der Truppe“ registriert, an denen 19.500 Zivilisten teilnahmen. Die Jugendoffiziere führten in dem Zeitraum zudem über 500 Seminarfahrten mit Jugendlichen (meist Schulklassen) nach Brüssel, Straßburg, Wien, Berlin oder Stettin durch. In 1.376 Seminartagen konnten sich über 15.500 TeilnehmerInnen sicherheits- und verteidigungspolitisch aus dem Blickwinkel der Bundeswehr weiterbilden. An 69 Podiumsdiskussionen nahmen Jugendoffiziere 2008 teil. 311 Großveranstaltungen – beispielsweise Messen oder Tage der offenen (Kasernen-)Tür – haben Jugendoffiziere zudem im Jahr 2008 begleitet.
Jugendoffiziere sind zwar keine WehrdienstberaterInnen, aber sie weisen den SchülerInnen den Weg dorthin: Sie geben Adressen heraus und werben für den Dienst bei der Bundeswehr.
Unterrichtsmaterial und Deutungshoheit
Die Bundeswehr geht aber nicht nur selbst in Schulen sondern hat auch Unterrichtsmaterialien im Repertoire: Die unverdächtige von einer Stiftung getragene „Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e.V.“ ist für kostenlose Schulhefte mit dem Titel „Frieden & Sicherheit“ verantwortlich. Bei näherer Betrachtung stellt sich die als „unabhängig und gemeinnützig“ bezeichnenden Arbeitsgemeinschaft als neoliberale Denkfabrik heraus: Als “Partnerverlag” gibt sie den Universum Verlag an, der zur Hälfte der FDP gehört. Der Sitz der Arbeitsgemeinschaft befindet sich im Haus der FDP-Bundespartei im Berliner-Regierungsviertel.
„Frieden & Sicherheit“ besteht aus einem beinahe jährlich erscheinendem Schülermagazin samt Lehrerheft, einem monatlichen Arbeitsblatt und einer Website. Die Unterrichtsmaterialien sind für junge Leute ansprechend gelayoutet und perfekt zum Einsatz in der Schule aufbereitet: es werden Aufgaben gestellt, die von den SchülerInnen bearbeitet werden müssen, dazu gibt es Lösungshefte für die LehrerInnen.
Das Schülermagazin geht in der Debatte um die Deutungshoheit des Begriffs „Frieden“ in die Offensive, was sich schon am Titel des Magazins zeigt. Den Jugendlichen soll beigebracht werden, dass nur das Militär einen stabilen Frieden schaffen kann. Zwar wird der diplomatische Weg nicht vollkommen übergangen, die Vereinten Nationen werden aber beispielsweise als zahnloser Tiger dargestellt. Die Materialien wurden offensichtlich von Pädagogik-ExpertInnen erstellt: Inhalte werden unauffällig und geschickt vermittelt. Ansatzpunkte für Kritik an den Texten finden sich nur schwierig.
Finanziert werden die „Frieden & Sicherheit“-Materialien von der Bundesregierung. 2007 sind von den Schulen mehr als 325.000 Schüler- und über 16.000 Lehrerhefte für den Unterricht bestellt worden. Besonders für faule oder unter Zeitmangel leidende LehrerInnen bietet sich der Einsatz der Materialien an: die zeitaufwendige Unterrichtsvorbereitung fällt weg.
Spielen und Krieg
Seit 1989 führen Jugendoffiziere das Simulations-Brettspiel POL&IS – Politik & internationale Sicherheit – durch. Grundlage des Simulationsspiels bildet ein großes Spielbrett, auf der eine Weltkarte zu sehen ist. Die Kontinente und Länder sind dabei zu elf verschiedenen Regionen zusammengefasst, welchen spezifische Eigenschaften zugeteilt wurden, die die reale Welt widerspiegeln sollen: Energie- und Rohstoffvorkommen, militärische Fähigkeiten, Industrie- und Agrarsektor sowie Bevölkerungszahl. Die TeilnehmerInnen – zwischen 37 und 55 SpielerInnen werden benötigt – schlüpfen in verschiedene Rollen: Regierungschef, Staatsminister (für das Militär zuständig), Wirtschaftsminister, Oppositionsführer, UN-Generalsekretär, Weltbank, Weltpresse und Nichtregierungsorganisationen (beispielsweise Greenpeace oder Amnesty International). Der/Die SpielleiterIn, sprich Jugendoffizier, kann das Geschehen durch so genannte Spielbausteine steuern und lenken. Dabei werden gezielt Konflikte zwischen Staaten hervorgerufen und den Spielern zahlreiche militärische Mittel angeboten: beispielsweise strategische Raketenverbände und Bombergeschwader, Atom-U-Bootflottillen und sogar atomare und chemische Waffen. Das Spiel dauert zwischen zwei und fünf Tagen und wird in Schulen oder Kasernen gespielt. Das Strategiespiel POL&IS soll den SchülerInnen die Flausen der Friedensbewegung aus dem Kopf treiben und sie mit der Realität und Alternativlosigkeit des Krieges vertraut machen.
Kongresse und Schülerzeitungen
Die Bundeswehr hat mittlerweile über 100 Jugendpressekongresse durchgeführt, bei der jeweils rund 130 SchülerzeitungsredakteurInnen in eine Bundeswehr-Kaserne eingeladen werden um dort einen Artikel über die Armee zu verfassen. Unterstützt werden sie dabei von professionellen JournalistInnen, als AnsprechpartnerInnen stehen die SoldatInnen der Bundeswehr zur Verfügung. Die einseitigen Artikel werden später in den Schülerzeitungen abgedruckt und der gegenüber der Armee unkritische Inhalt kommt unauffällig an die MitschülerInnen.
Auch Werbung schaltet die Bundeswehr in Jugendmedien: In über 170 Schülerzeitungen fanden sich 2008 Werbeanzeigen der Bundeswehr. 2005 waren es noch knapp über 150. Auch in der größten deutschen Schülerzeitung, dem SPIESSER, mit einer Auflage von einer Million Exemplaren, hat die Bundeswehr bereits Anzeigen geschaltet. Massive Bundeswehr-Werbung findet sich ebenfalls in Medien für Schüler, die kurz vorm Abitur stehen und oft noch nicht wissen, was sie danach machen wollen: sie sollen für den Dienst an der Waffe gewonnen werden.
Bundeswehr und Schule
Die deutsche Armee hat mittlerweile zahlreiche Wege gefunden in die Klassenzimmer zu gelangen: Kooperationsvereinbarungen, Jugendoffiziers-Vorträge, Schulmaterialien, das POL&IS-Spiel, Schülerzeitungen… Doch wächst auch die Kritik an den Militäreinsätzen in zivilen Bildungseinrichtungen. Die Demonstration in Freiburg war nur der Anfang. Auch SchülerInnenvertretungen, Elterninitiativen und LehrerInnen – darunter die große Lehrergewerkschaft GEW – wehren sich gegen die Militarisierung der Schulen. Die Bundeswehr wird es bei der Militarisierung der Schulen in nächster Zeit nicht mehr so einfach haben wie noch vor wenigen Jahren, oder wie es auf der Demonstration in Freiburg klang: „Niemals-nie gibt’s Pausenbiere – für die Jugend-Offiziere!“
Michael Schulze von Glaßer
Michi ist utopia-Redakteur und Beirat der Informationsstelle Militarisierung e.V., bei der im Januar seine lange Studie „Die Eroberung der Schulen“ zu Bundeswehr an Schulen erschienen ist (www.imi-online.de).
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