Rohstoffkriege: „Man spricht immer nur über die Interessen der Anderen“

Werner Ruf war Professor für Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen und Außenpolitik an der Uni Kassel.

utopia: Als einmal ein Freund von mir in der Schule während des Irak-Kriegs 2003 ein T-Shirt mit der Aufschrift „Kein Blut für Öl“ trug, wurde er von unserer Lehrerin stark kritisiert. Er würde es sich mit dem Kriegsgrund zu einfach machen und es sei weit komplizierter. Hatte die Lehrerin recht?

Werner Ruf: Es gibt meist nicht nur einen einzigen Kriegsgrund. Aber die Frage dabei ist natürlich, welcher der entscheidende und wichtigste ist. Insofern hatte die Lehrerin nicht ganz Recht, da es beim Irak-Krieg sehr wohl um Öl ging. Natürlich ist so der Spruch sehr vereinfacht. Aber falsch ist er nicht.

Der Krieg im Irak hat den Rohölpreis erst einmal nach oben schnellen lassen. Wenn es wirklich ein Krieg um Öl war, scheint dies misslungen zu sein…

Es geht nicht um den Preis, sondern um die Gesellschaften, die die Ölreserven ausbeuten. Diesen Firmen konnte es nur recht sein, dass die Preise steigen, da ihre Gewinne dann auch in die Höhe schießen. Ich denke, wir sind inzwischen in einer Situation, in der es gar nicht mehr darum geht, die rohstoffreichen Länder zu besetzen. Viel wichtiger sind heute die Transportwege. Das sind die geostrategischen Zusammenhänge mit denen wir heute zu tun haben. Riesige Mengen des in westlichen Ländern benötigten Öls werden heute über den Indischen Ozean transportiert. Auch neue Gaspipelines wie zurzeit die von Russland nach Deutschland werden – unter Umgehung von Ländern wie den Baltischen Staaten, Polen, der Ukraine, usw. – durch die Ostsee gebaut. Ähnliche Pipelines aus dem asiatischen Raum wie Southstream oder Nabucco Richtung Europa sind in Planung oder ebenfalls schon in Bau. Das sind gigantische Projekte und die müssen natürlich abgesichert werden. Dabei wird von Deutschland und den anderen westlichen Ländern immer noch geglaubt, dass militärische Absicherung der richtige Weg ist.

Neben Afghanistan und dem Irak ist Somalia als Unruheregion momentan oft im Fokus der Medien. Vor der Küste bekämpft die Bundeswehr somalische Piraten, die zivile Handelsschiffe – auch Öltanker – angreifen. Das klingt legitim…

Dort ist die Bundeswehr sogar gleich zweimal im Einsatz: im Rahmen der von den USA angeführten ‚Operation Enduring Freedom‘, also dem vom ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush ausgerufenen ‚Krieg gegen den Terror‘, und im Rahmen der Mission ‚Atalanta‘ der Europäischen Union. Natürlich hört sich ein Kampf gegen Piraten gut an. Piratenprobleme gibt es aber nicht erst seit einigen Jahren und in anderen Regionen der Erde. In der Straße von Malakka oder im Golf von Guinea. Dort wird auch heute nichts oder wenig unternommen. Dass die westlichen Truppen gerade vor Somalia Jagd auf Piraten machen, hat mit der geografischen Lage der Region zu tun. Vor der Küste Somalias fahren viele westliche Frachtschiffe, die Rohstoffe transportieren. Über die Hintergründe spricht indes niemand: Kaum ein Ozean ist so sehr mit Giftstoffen verseucht wie der vor Somalia. Internationale Fischfangflotten haben dort zudem alles leer gefischt und den kleinen somalischen Fischern so ihre Lebensgrundlage genommen. Die Somali, die heute als Piraten tätig sind, waren früher Fischer. Wenn man das Geld für den Militäreinsatz vor Somalia dazu einsetzen würde, das Gift aus dem Meer zu holen, die Fischbestände zu regenerieren, und internationalen Fischfangflotten verbieten würde, dort zu fischen, hätten wir wohl für alle eine bessere und humanere Lösung ohne Blutvergießen.

Der Nahe und Mittlere Osten ist eine der erdölreichsten Regionen der Erde, aber zugleich politisch sehr instabil. Sind die Menschen dort unfähig, ihren Rohstoffreichtum gerecht zu verteilen?

Nein, so etwas ist kompletter Unsinn. Das Schlimme ist, dass sich immer fremde Mächte in die Region eingemischt haben. Beispielsweise wurde  1953 die demokratisch gewählte Regierung im Iran vom US-Geheimdienst CIA gestürzt und der Schah wieder auf den Thron gesetzt. Saddam Hussein, der in den 1980er Jahren den Iran angegriffen und sieben Jahre lang einen fürchterlichen Krieg gegen das Land geführt hat, wurde ebenfalls von den USA unterstützt. Der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte über Saddam Hussein so schön ‚Er ist ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn‘. Als er den USA nicht mehr passte, weil er auf den Kontrolle des irakischen Öls bestand, musste er weg. Daher der Irak-Krieg 2003. In Afghanistan war es genau dasselbe. Wer hat denn die islamistischen  Krieger groß gemacht? Das waren die USA, die damals die „Mudschaheddin“ im Kampf gegen die Sowjetunion in Afghanistan massiv unterstützt haben. Jetzt haben die USA ihre ehemaligen Freunde am Hals. Man muss in die Geschichte schauen, um zu verstehen, was in dieser Region der Welt los ist und warum die Leute dort über ausländische Einmischungen so wütend sind.

In Afghanistan wurden kürzlich große Mengen an Rohstoffvorkommen gefunden. Als die USA und Großbritannien 2001 in dem Land am Hindukusch einmarschierten, galt es aber als arm an Rohstoffen. Geht es beim Afghanistan-Krieg also nicht um Rohstoffe?

Auch der Afghanistan-Krieg ist ein Rohstoffkrieg – aber nur indirekt. Das mit den Rohstoffen ist fürchterlich übertrieben worden. Es gibt keinen Ort der Erde, der nicht schon lange vermessen und mit Ultraschall, Infrarot und anderen technischen Geräten auf Rohstoffvorkommen untersucht wurde. Heute ist so etwas auch über Satelliten möglich. Afghanistan ist aber vor allem geostrategisch wichtig. Dort bündeln sich viele geplante Transportrouten für Öl und Gas. Einmal ist da die Route aus Kasachstan, wo schon vor diesem Krieg der Plan bestand, eine Pipeline durch Afghanistan zum Indischen Ozean zu verlegen. Darüber hat eine amerikanische Ölfirma jahrelang mit den Taliban verhandelt. Dann wurden der Ölfirma die Forderungen der Taliban zu hoch. Es gibt unter anderem einen Bericht der britischen Rundfunkanstalt BBC, der zeigt, dass der Krieg gegen Afghanistan schon im Juli 2001 beschlossene Sache war. Da kamen die Terroranschläge am  11. September 2001 natürlich gerade recht. Afghanistan ist auch das Land, durch das eine riesige Pipeline vom Iran über Pakistan bis nach China gebaut werden soll. Das ist den USA natürlich ein Dorn im Auge. Das Geschrei um ein iranisches Atomwaffenprogramm sollte auch unter dieser Voraussetzung betrachtet werden: die USA wollen die Kontrolle über die weltweiten Energievorkommen und die Energieverteilung. Das sind Dinge, die wichtiger sind als die in den Medien so hoch gekochten afghanischen Rohstoffvorkommen.

Friedensbewegte Menschen unterstellen den westlichen Kriegsparteien oft, aus wirtschaftlichen Interessen Kriege zu führen. Dennoch hört man von Aktivitäten westlicher Firmen im Irak oder in Afghanistan recht wenig…

Ja, warum wohl? Man spricht immer nur über die Interessen der Anderen. Afghanistan ist massiv im Fadenkreuz der Energiefirmen – vor allem aus China und auch aus Indien. Wenn der Westen Afghanistan kontrolliert, kann er den beiden wirtschaftlich aufstrebenden Ländern leicht den Energiefluss abdrehen. So etwas ist ja auch in Deutschland bekannt: als Russland der Ukraine 2006 erstmals den Gashahn zudrehte, da offene Rechnungen ausstanden, floss auch kein Gas mehr nach Deutschland. Wer die Pipelines kontrolliert, kann den Endverbraucher ganz gut erpressen.

Gegen Kriege und vor allem Rohstoffkriege sind viele Menschen. Dennoch wollen sie preiswertes Benzin und technische Geräte, für die Edelmetalle aus dem Boden ferner Regionen geholt werden müssen. Was kann man gegen diesen Widerspruch tun?

Diesem Widerspruch können wir nicht begegnen, indem wir beispielsweise keine Energie mehr verbrauchen. Man müsste vor allem die Leute aufklären und ihnen klar machen, was genau abläuft.  Dazu muss man auch die Interessen der Anderen, wie gerade Chinas, als legitim anerkennen. So könnte ein kritischer Konsum und fairer Handel geschaffen werden. Man kann auch versuchen, regionale Dinge zu konsumieren und heimische Energiequellen wie Sonnen-, Wind- und Wasserkraft verstärkt zu nutzen statt Treibstoff aus dem Boden der arabischen Wüsten und direkt mit den Staaten verhandeln. Aber dann sind natürlich die großen Konzerne nicht mehr im Geschäft, weshalb diese versuchen, kritischen Konsum und zwischenstaatlichen Handel zu verhindern. Wenn der Handel mehr auf einer Ebene der Zusammenarbeit statt auf Ausbeutung beruht, könnte man ein Stück weit eine friedlichere Welt bauen.

Interview: Michael Schulze von Glaßer

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