Kommentar: Warum nicht mal für Neuseeland sein?

Als mir heute beim Durchsehen einiger Prospekte direkt diverse Deutschland-Flaggen für 99 Cent ins Auge stachen, wusste ich, bald ist es wieder so weit: Die Fußball-WM der Herren steht vor der Tür. Leute mit schwarz-rot-goldener Schminke im Gesicht werden sich auf öffentlichen Plätzen vor Großleinwänden versammeln und zusammen jubeln oder heulen. Wenn sie jubeln, werden sie anschließend mit hupenden Autos die Straßen verstopfen. Und wahrscheinlich werden irgendwelche ach so wichtigen Menschen wieder sagen: „Wie schön, dass sich die Deutschen endlich wieder trauen, die Nationalflagge zu hissen.“

Letztens habe ich in der Stadt mitbekommen, wie ein Mann zu einem anderen sagte: „Ich glaube, wir werden es schwer haben in der Gruppe D.“ „Wir? Spielt ihr mit oder was?“ habe ich mich da gefragt. Leider hatte ich es eilig, sonst hätte ich nachgefragt. Diese Formulierung habe ich schon oft gehört und keine im Bereich Fußball finde ich bescheuerter. Hauptsache es kommt niemand auf die Idee, mich in dieses “wir” mit einzubeziehen.

Dabei mag ich Fußball. St. Pauli finde ich toll – nein, ich komme nicht aus Hamburg – und als Jugendliche habe ich sogar selber gespielt. Auch eine WM könnte ein tolles Event sein. Zusammen Fußball gucken ist an sich ja nichts Schlechtes. Aber da gibt es etwas, das einfach nicht in meinen Kopf geht: Warum sind Deutsche für Deutschland, ItalienerInnen für Italien und SpanierInnen für Spanien? Warum muss man aufpassen, nicht eins auf’s Maul zu kriegen, wenn man als Deutsche/r Holland bejubelt? Gibt es in jedem Land so einen Fußball-Nationalwahnsinn? Wenn ja, woran liegt das? Konstruiert man sich so ein Zusammengehörigkeitsgefühl? Trauen sich viele nur nicht, zu einer anderen Mannschaft zu stehen? Oder liegt es daran, dass die deutschen Fans die deutschen Spieler und ihre Schicksale durch die Medien am besten kennen? Eins verstehe ich: Wenn man keinen Favoriten hat, ist Fußball gucken natürlich langweilig.

Also was tun? Einen Monatseinkauf machen, für die Dauer der WM in der Wohnung verschanzen und Ohropax in die Ohren stopfen? Und bloß nicht aus dem Fenster gucken, um nicht die Flaggen der Nachbarn zu sehen? Schwierig… Ich glaube, dem kann man gar nicht entgehen. Hilft nur eins: Gelassen bleiben. Bei Bedarf das blöde „wir“ mit einem kleinen Vortrag bestrafen, das Gold von den Flaggen entfernen und sich freuen, wenn die sogenannten „Fußballzwerge“ gewinnen. So hat man sogar mehrere Favoriten und es wird bestimmt nicht langweilig! Ich persönlich würde mich riesig freuen, wenn eine Mannschaft Weltmeister wird, die es noch nie gewesen ist.

Kristina Beckmann


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