Doch kein fröhlicher Party-Patriotismus
Rezension
„Den immer wieder postulierten, während des WM-Sommerfestes 2006 den Deutschen bisweilen auch bescheinigten unverkrampften, harmlosen Nationalstolz gibt es so nicht.“ Mit dieser nüchternen Feststellung bereiten Klaus Ahlheim und Bardo Heger in ihrer Untersuchung „Nation und Exklusion – Der Stolz der Deutschen und seine Nebenwirkungen“ allen Wunschvorstellungen von einem ungefährlichen, friedlichen Patriotismus ein jähes Ende.
Zunächst fassen die Autoren die Nationalstolz-Debatten der letzten Jahre zusammen und zeigen, wie ein positives Nationalbewusstsein durch Medien und Politik wieder salonfähig gemacht wurde. Diese Entwicklung zeige sich auch in Umfrageergebnissen, die der ganzen Untersuchung zugrunde legen: Während 1996 63 Prozent der Deutschen stolz waren, deutsch zu sein, waren es im Jahr 2006 72 Prozent.
Als Reaktion auf diese Befunde stellen sich die Autoren die Frage, welche Nebenwirkungen der erstarkende Nationalstolz mit sich trägt. Sie stellen fest, dass Nationalstolz direkt oder indirekt mit Fremdenfeindlichkeit, Abschottungsgedanken, Schlussstrich-Mentalität und Antisemitismus verknüpft ist.

Der Schein trügt. Foto: smitty/flickr
Den Zusammenhang zwischen Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit lässt sich laut Ahlheim und Heger eindeutig belegen: So haben 36 Prozent der stolzen Deutschen fremdenfeindliche Einstellungen. Bei denjenigen, die überhaupt nicht stolz auf ihre Nationalität seien, sind es nur zwölf Prozent. Für diese Befunde haben die Autoren eine einfache Erklärung: „Jede Betonung des nationalen ‘Wir’, jede Betonung der eigenen ‘Gruppe’, in die man ja wohl eher zufällig hineingeboren ist, enthält, auch wenn das nicht immer ausgesprochen wird, ein Moment der Ab- und Ausgrenzung“. Dies sei kein deutsches Problem, sondern lasse sich auch in anderen europäischen Staaten feststellen. „Für Europa insgesamt scheint es so“, schreiben Ahlheim und Heger, „als finde das neue Europa der nationalstolzen Bürger einen gemeinsamen Nenner vor allem im Kampf gegen den ‘Außenfeind’, die Flüchtlinge und Migranten.“
Ähnliche Zusammenhänge werden bei antisemitischen Vorurteilen und der „Schlussstrich-Mentalität“ der Deutschen aufgezeigt. Mit dem Nationalstolz wachse die „Beschwörung deutscher Normalität und damit verbunden die Neigung, unter die Verbrechen der NS-Vergangenheit einen Schlussstrich zu ziehen“, so Ahlheim und Heger. Unter der Schlussstrich-Mentalität verstehen die Autoren den verbreiteten „Wunsch, an den Holocaust nicht mehr erinnert zu werden“. Diese „Abkehr von der Erinnerung“, so wird der Psychoanalytiker Werner Bohleber zitiert, mache jedoch „hartherzig und mitleidslos“.
Diese und weitere knallharten, auf Fakten fußenden Feststellungen machen die Analyse von Klaus Ahlheim und Bardo Heger zu einer Pflichtlektüre für all jene, die noch immer an den Mythos des ungefährlichen Nationalstolzes glauben oder nach Argumenten dagegen suchen. Der Schreibstil lässt zwar den wissenschaftlichen Hintergrund der Autoren durchblicken und ist deshalb teilweise schwierig verständlich, die ausführlichen Erläuterungen sowie die bildliche Darstellung von Umfrageergebnissen machen das Lesen aber einfacher. Die zahlreichen Literaturverweise bieten zudem die Möglichkeit weiter zu dem Thema zu recherchieren.
David W.
Klaus Ahlheim, Bardo Heger, Nation und Exklusion Der Stolz der Deutschen und seine Nebenwirkungen Politische Analysen, Wochenschau Verlag 2008, ISBN 978-3-89974391-3, 128 S., Euro 12,80







