Brachiale Räumung

Mit Gewalt verschaffte sich die Polizei am Donnerstagnachmittag Zutritt in ein seit Anfang Januar besetztes Haus im westfälischen Münster.


Kontrastreicher konnten die Szenen nicht sein, die sich am Donnerstag an der Grevener Straße in Münster abspielten. Mit einer Feier begingen Politik und Wohnungsbaugesellschaft am Morgen den ersten Spatenstich eines neuen Altersheims auf dem Gelände der ehemaligen Uppenbergschule. Die stellvertretende Bürgermeisterin lobte das Projekt – bei dem zuvor zwei Investoren abgesprungen waren – in höchsten Tönen. MusikerInnen sorgten für gute Stimmung trotz schlechten Wetters. Die im Jahr 2000 auf dem Gelände abgerissene Uppenbergschule wurde nach mehrwöchiger Besetzung durch linke AktivistInnen freiwillig verlassen – die Politik versprach den HausbesetzerInnen damals, das geforderte „soziale Zentrum“ bald zu realisieren. Als Übergangslösung wurde den AktivistInnen im Tausch für die „Uppe“ ein 200 Meter entferntes Ladenlokal zugesprochen, in dem sich seitdem der linke Infoladen „Versetzt“ befand – bis letzte Woche.

Zwar hat die Politik ihr Versprechen nicht eingehalten, am Donnerstagnachmittag wurde jedoch auch noch diese Übergangslösung – das „Versetzt“ – abgerissen. Mit einer Polizeihundertschaft wurde das Gebäude an der Grevener Straße umstellt – nur wenige Stunden nach dem feierlichen Spatenstich gegenüber. Zuvor fuhr ein Räumfahrzeug der Polizei mit einer Baggerschaufel frontal in die Glasfront des Infoladens – zwei Hausbesetzer befanden sich zu dem Zeitpunkt im Raum hinter der mit Stoff vor Einblicken geschützten Glasfront. „Es gab keine Vorwarnung – plötzlich gab es einen lauten Knall und die Schaufel des Fahrzeugs war im Raum“, erklärte einer der überraschten Hausbesetzer. Die Polizei führte die beiden Personen ab, die eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch und einen Platzverweis bekamen. Aktiven Widerstand gegen die Räumung gab es nicht. Eine Baufirma zerlegte währenddessen das spärliche Inventar des Hauses und machte es unbewohnbar. DemonstrantInnen vor dem Haus wurden von der Polizei weggedrängt. Die AnwohnerInnen rund um das Gebäude an der Grevener Straße 53 zeigten sich entsetzt über das rigorose Vorgehen der Polizei: „Die tut gerade so, als würde hier ein Top-Terrorist gesucht“, äußerte sich ein Anwohner gegenüber einem lokalen Medienportal. Auch der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) der Universitäts zeigte sich schockiert über das brutale polizeiliche Vorgehen und wirft der Hundertschaft vor, Verletzte bei der Räumung billigend in Kauf genommen zu haben. Mit welch unbedachtem Übermut die Polizei zu Werke ging, zeigt sich auch daran, dass sie versehentlich eine noch legal bewohnte Wohnung im Nachbarhaus erstürmt hat.

Am Abend nahmen rund 100 Menschen an einer spontanen Demonstration für preiswerten Wohnraum teil. Auch die von der lokalen Politik lange ignorierte Forderung nach einem sozialen Zentrum wurde nochmals unterstrichen. Im Stadtrat hatten sich nur Grüne und Linke mit den Hausbesetzern solidarisiert. Die Linke kritisiert die Wohnraumpolitik der Stadt als „verfehlt“. Die Partei befürchtet einen Rückgang sozialen Wohnraums in dem entstehenden Neubau – arme Menschen werden bei einer solchen Politik an die Außenbezirke gedrängt. Dies ist aber nicht nur ein Problem in Westfalen sondern auch in anderen Städten wie Berlin, München oder Frankfurt festzustellen.

Michael Schulze von Glaßer

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