Neuer Schwerpunkt: Wer Ideen liebt…

…sperrt sie nicht ein! Wie der Bundesverband der Deutschen Industrie Jugendlichen Angst vor freiem Wissen machen will.

„Wusstest du, dass Ideenklau Diebstahl ist?“ Die Internetseite www.ideenliebe.de richtet sich an Jugendliche. Sie sieht aus wie ein Schulschreibtisch, beinhaltet kurze, verständliche Texte und ist dynamisch, aber nicht hektisch. Hier wirbt der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) für mehr Schutz des geistigen Eigentums. Nur wenn Wissen geschützt sei, gebe es neue Erfindungen.

Öffentlichkeitsarbeit für die Ideologie vom geistigen Eigentum

Dass die Industrie verzweifelt versucht, Menschen für ihre Ideologie zu gewinnen, ist nicht neu. Der Slogan „Raubkopierer sind Verbrecher“ hat sich bereits in vielen Köpfen festgesetzt, die Pharma-Unternehmen haben eine große Werbekampagne für Medikamenten-Patente gefahren unter dem Motto „Forschung ist die beste Medizin“. Nun gelangen speziell Jugendliche ins Visier der PR-Strategen aus der Industrie.

Bereits seit dem 25. April – dem Tag zum Schutz des geistigen Eigentums – läuft der neue Schülerwettbewerb vom BDI, seit kurzem mit Unterstützung der Schülerzeitung „Spiesser“. Schülerinnen und Schüler aus den Klassen acht bis zehn sind aufgerufen, Ideen zu entwickeln, wie unter Jugendlichen noch stärker für den Schutz geistigen Eigentums geworben werden kann. „Wie geht es Euch damit, wenn jemand Eure Ideen kopiert? Warum ist das Original immer besser als die Kopie? Wie könnte man Ideen schützen? Warum ist es Eurer Meinung nach so wichtig, die Ideen anderer zu respektieren?“

Andere Positionen werden verschwiegen

Auf der Internetseite wird durchgehend ignoriert, dass das Thema politisch durchaus umstritten ist. Kein Wort darüber, dass täglich Menschen an Krankheiten sterben, die mit Medikamenten geheilt werden könnten, die patentiert sind. Kein Wort darüber, dass von geistigen Monopolrechten in erster Linie die Großindustrie profitiert und nicht die Erfinder. Kein Wort darüber, dass Menschen aus ganz unterschiedlicher Motivation Texte schreiben, Krankheiten erforschen oder Computerprogramme entwickeln. Kein Wort darüber, dass die meisten Erfindungen, von denen wir heute profitieren, darauf basieren, dass Menschen zusammen gearbeitet haben, voneinender abgeguckt und gelernt haben.

In den Köpfen der Jugendlichen soll sich nur eine Theorie festsetzen: Wenn Wissen frei verfügbar ist, legen sich alle Erfinder auf die faule Haut, die Wirtschaft geht zu Grunde, neue Entwicklungen bleiben aus. „Dann gibt es weniger technische Neuheiten, wichtige Medikamente oder neue Computer- und Videospiele.“ Die Horrorvision wird jugendgerecht ausgemalt.

Werbung jugendgerecht verpackt

Auf der Website werden Geschichten von Jugendlichen erzählt, die von geistigen Eigentumsrechten profitieren können – sei es die Urheberschaft, das Markenzeichen, das Design oder das Patent. Kurze Erzählungen aus dem Alltagsleben von Jugendlichen. Besonders absurd: Die Beispiele sollen zwar geistige Eigentumsrechte in einem guten Licht erscheinen lassen, tatsächlich treten sie aber zugleich den Gegenbeweis an. Denn alle Beispiele belegen, dass Kreativität und Ideenvielfalt nicht vom großem Reibach abhängen, den man hinterher damit machen kann.

Nehmen wir die Fahrrad-Alarmanlage. Die Geschichte über die Schutzbedürftigkeit von Patenten beginnt so: „Schon zum dritten Mal haben sie Dein Fahrrad geklaut. Wieder musst Du ein neues kaufen. Das geht ins Geld! Aber ohne Rad läuft nichts, wenn Du Dich abends oder am Wochenende mit Deinen Kumpeln treffen willst. Irgendwie muss man Fahrräder doch besser sichern können. Dann hast Du eine Idee.“ Am Ende steht eine Alarmanlage, die Warnungen direkt aufs Handy schickt. Eine tolle Idee, nur leider will uns die Geschichte nicht verraten, warum darauf ein Patent angemeldet werden sollte. Die Person brauchte offensichtlich keinen finanziellen Anreiz, die Neugierde hat völlig ausgereicht, um die neuartige Alarmanlage zu entwickeln.

Zum Wohle der Wirtschaft und der Nation

Eine Diskussion um die Sinnhaftigkeit von Patenten fehlt, stattdessen wird auf eine Info-Seite verwiesen, auf der man erfährt, was ein Patent ist, wie man es erhält und wie lange es gilt. Und immer geht es darum, dass die Leserin oder der Leser ein Patent anmeldet. Dass es eigentlich um etwas anderes geht, findet man nur, wenn man alle Texte genau durchliest: Es geht um die Profite der Industrie.

„Stell Dir das mal vor: Deutschland ohne Ideen! Das würde unsere Wirtschaft ganz schön aus dem Gleichgewicht bringen.“ Und weil so eine Wirtschaftshudelei noch nicht ausreicht, wird zum Schluss noch das Standortargument aus der Mottenkiste gekramt: „Anders als andere Länder haben wir nicht genügend nachwachsende Rohstoffe wie zum Beispiel Erdöl oder Kohle, die wir weltweit verkaufen können. Deswegen leben deutsche Unternehmen vor allem von Ideen, Qualitätsmarken und Patenten, die sie auch erfolgreich ins Ausland verkaufen.“ Na, dann mal: Guten Export!

Felix W.

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