„Atommülltransporte nach Ahaus können ab sofort wieder rollen“

Am 7. November fanden bundesweit in mehr als zwanzig Städten Aktionen gegen die Atomindustrie statt. Im Münsterland gab es besonders heftigen Protest. Wir sprachen mit Matthias Eickhoff, Sprecher des Aktionsbündnisses Münsterland gegen Atomanlagen, über Anti-Atom-Proteste und kommende Atommülltransporte.

utopia: In Münster demonstrierten am 7. November rund 50 Menschen vor der Bezirksregierung in Münster gegen Atomkraft. Im münsterländischen Ahaus kam es am Abend zu einer Spontandemonstration zum dortigen atomaren Zwischenlager. Worum ging es bei den Protesten?

Matthias Eickhoff: Das hat zwei Hintergründe. Im beschlossenen Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und FDP wurde angekündigt die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlängern. Der CDU Münster haben wir daher Atommüllfässer übergeben – längere Laufzeiten bedeuten nämlich auch mehr Atommüll. Zum anderen werden bei der Bezirksregierung Münster und beim Bundesamt für Strahlenschutz seit drei Jahren Anträge für neue Atommülltransporte nach Ahaus bearbeitet – der Ort liegt 45 Kilometer westlich von Münster. Das ganze geschieht unter Ausschluss der Öffentlichkeit – mit der Demonstration wollten wir auf die kommenden Transporte aufmerksam machen. Abends gab es dann noch eine spontane Demonstration direkt vor dem atomaren Zwischenlager in Ahaus. Das war zeitlich sehr passend, denn vier Tage später genehmigte die Bezirksregierung Münster den ersten Antrag für neue Atommülltransporte nach Ahaus.

Matthias Eickhoff beim Tschernobyl-Tag 2008 in Hamm | Foto: Michael Schulze von Glaßer

Matthias Eickhoff beim Tschernobyl-Tag 2008 in Hamm | Foto: Michael Schulze von Glaßer

Was passiert nun in Ahaus?

In einem ersten Schritt soll nun zum Teil hoch verstrahlter und sperriger Problem-Atommüll aus deutschen Atomkraftwerken nach Ahaus kommen, um dort zehn Jahre lang abzuklingen – über die Herkunfts-AKWs, die genaue Strahlung und die genaue Menge schweigt die Bezirksregierung, aber wir gehen davon aus, dass dieser Atommüll unter anderem aus dem Kernforschungszentrum Jülich am Niederrhein bzw. dem stillgelegten AKW Würgassen an der Weser kommen wird. Der ersten Transport kann schon in den nächsten Wochen rollen – per Bahn oder LKW.

In einem zweiten Schritt sollen rund 150 Castoren aus Jülich nach Ahaus gebracht werden. Danach kommen weitere 150 Kokillen aus dem französischen La Hague, wo sich eine Plutoniumfabrik befindet. Das ganze ist extrem intransparent. Das atomare Zwischenlager Ahaus ist im Übrigen bereits 1992 in Betrieb gegangen und steht noch immer zu 90 Prozent leer. Die Betreiber des Lagers möchten die Halle natürlich gern füllen und der Öffentlichkeit beweisen, dass längere AKW-Laufzeiten kein Problem sind, weil es ja eine „sichere Entsorgung“ gebe.

Wie werden die Transporte denn aussehen?

Wie der Müll aus Jülich nach Ahaus gelangt, ist noch offen – entweder per Schiene oder über die Straße. Züge würden durch das Rheinland und Ruhrgebiet rollen, LKWs über Neuss-Duisburg-Oberhausen und dann die A31 nach Ahaus. Das können Einzeltransporte werden oder aber auch längere Konvois. Die Betreiber scheinen sich noch nicht sicher zu sein, was für sie vorteilhafter ist. Auf jeden Fall wird es viele Transporte über einen langen Zeitraum geben. Da wird ein riesiger Aufwand  betrieben, denn der Atommüll aus dem französischen La Hague wird per Zug nach Ahaus gelangen – genauso wie die bekannten Transporte von La Hague nach Gorleben. Es wird allein aus Frankreich mindestens ein halbes Dutzend Transporte geben.

In Ahaus gibt es eine lange Protestkultur gegen Atommülltransporte ins Zwischenlager  – welche Protestaktionen sind für die kommenden Transporte zu erwarten?

Nach der Erteilung der Genehmigung am 11. November kommt der Protest nun schnell in Gang. Noch für den November sind diverse Aktionen geplant. Am 20. Dezember wird es dann eine große Demonstration am Zwischenlager geben, zu der bundesweit aufgerufen wird. Auch Initiativen aus Norddeutschland und anderen Regionen unterstützen die geplanten Proteste. Auch der traditionelle Sonntagsspaziergang  am Zwischenlager wird in den kommenden Wochen intensiviert. Für den 24. April ist zudem eine große Tschernobyl-Demonstration in Ahaus geplant, als eine von drei bundesweit zentralen Demos zum Atomausstieg. Wenn die Termine der Transporte bekannt sind, wird es natürlich weitere Aktionen geben. Doch Atomindustrie und Politik versuchen die Transporttermine so lange wie möglich unter Verschluss zu halten um Protestaktionen zu verhindern.

Das atomare Zwischenlager Ahaus im Münsterland | Foto: Michael Schulze von Glaßer

Das atomare Zwischenlager Ahaus im Münsterland | Foto: Michael Schulze von Glaßer

Wie sahen denn die Proteste bei den letzten Transporten aus?

Die größten Demonstrationen gab es 1997/1998 mit mehr als zehntausend Leuten, als sechs Castoren aus Süddeutschland nach Ahaus gebracht wurden. In Münster gab es damals eine Demonstration mit 12.000 Leuten. In Ahaus gab es viele Blockade-Aktionen und die Polizei reagierte damals mit massiven Wasserwerfer-Einsätzen – in Ahaus herrschte Ausnahmezustand. Allein 15.000 bis 20.000 Polizistinnen und Polizisten waren damals im Einsatz. 2004/2005 waren die Proteste etwas kleiner aber nicht weniger kreativ. Mehrere Tausend Leute demonstrierten gegen die Castor-Transporte.

Bei aller Kritik an den Transporten. Irgendwo muss der Atommüll doch hin…

Genau diese Frage muss man sich stellen. Eben weil es keine sichere Endlagerung gibt, kann die einzige Lösung nur sein, die Atomanlagen sofort stillzulegen um erstmal keinen weiteren Atommüll zu produzieren. Es ist Aufgabe der Atomindustrie Lösungen zu präsentieren – die denken aber lieber an ihre Profite als an das ungelöste Problem.

Interview: Michael Schulze von Glaßer

Termine:

30. November 2009, Münster: Informationsveranstaltung mit der Bürgerinitiative Morsleben über den Stand des Stillegungsverfahrens des Atommüllendlagers Morsleben

7. Dezember 2009, Frauenstraße 24, Münster: Filmvorführung „Trainstopping“ über Proteste gegen den Castor-Transport 1998 nach Ahaus.

20. Dezember, 14 Uhr: Überregionale Demonstration am Zwischenlager Ahaus

Orte und genaue Termine sowie weitere Informationen zu den kommenden Castor-Transporten gibt es u. a. auf der Webseite „Kein Castor nach Ahaus“.

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