„Straight Edge bekannter machen“

Ein Leben ohne Drogen? Der Film „EDGE – perspectives on drug free culture“ von Michael Kirchner und Marc Pierschel zeigt, wie es geht. Wir sprachen mit einem der Regisseure über den Film und die Straight Edge-Bewegung.

utopia: Womit habt ihr bei der Premiere eures Films am 3. Oktober 2009 in New York angestoßen?

Michael Kirchner: Sekt war es nicht. Lass mich überlegen. Wir hatten die Option, ein Catering zu buchen, das war uns aber zu teuer. Es gab dann nichts ‚offizielles’ zu trinken. Neulich in Düsseldorf gab es aber beispielsweise Kindersekt ohne Alkohol.

Was ist Straight Edge?

Straight Edge ist eine Mitte der 1980er-Jahre zunächst in den USA aus dem Punk entstandene Subkultur. Es ging darum, sich vom exzessiven Drogenkonsum der Punk-Szene loszusagen. In den Augen vieler war die Punk-Bewegung damals zu unpolitisch, es ging um Mode, Trinken, Party nach dem Motto ‚Live fast, die young’. Als Reaktion darauf ist dann Straight Edge entstanden. Es geht dabei darum, keinerlei Drogen zu konsumieren und keinen Sex mit häufig wechselnden Partnern zu haben – obwohl sich das meiner Meinung nach im Laufe der Zeit etwas gewandelt hat: Es geht darum, Frauen und Männer nicht als Objekte zu sehen.

Was fällt denn unter den Drogen-Begriff?

Das ist eine sehr persönliche Sache. Manche definieren beispielsweise Koffein und Medikamente als Drogen. Es gibt auch Leute, die keine Schokolade essen. Konträr dazu haben sich manche Leute zumindest in den Anfängen Straight Edge genannt, weil sie kein Heroin konsumiert haben. Es gibt also wirklich viele Facetten von Straight Edge. Vegetarismus und Veganismus fallen für viele Menschen auch oft darunter. Aber den Konsum von Alkohol und Tabak schließen mittlerweile eigentlich alle kategorisch aus, die sich ‚Straight Edge’ nennen.

Wie ist das Verhältnis von Straight-Edgern zu Drogen – alle Drogen verbieten?

Das ist eine sehr komplexe Fragestellung. Zum Thema Drogen gab es in der utopia ja auch mal einen sehr liberalen Artikel, der mehr oder weniger die Legalisierung aller Drogen forderte. Es wurde argumentiert, dass es in den Niederlanden viel weniger Marihuana-Konsumenten als in Deutschland gibt. Und dies sei ein Argument für die Legalisierung aller Drogen. Allerdings wurde dort leider von absoluten Zahlen ausgegangen und da in Deutschland rund fünf Mal so viele Menschen leben wie in den Niederlanden verwundert diese Zahl kaum.

In den USA gibt es eine kleine Straight Edge-Gruppe, die ein Verbot aller Drogen fordert: „Bring back prohibition“ ist deren Slogan, was aber wohl nicht todernst, sondern als Provokation gemeint ist. Das Verhältnis zu und der Umgang mit Drogen in der Gesellschaft ist in der Straight Edge-Bewegung sehr ambivalent.

Meiner Meinung nach ist es nicht richtig, alle Drogen zu legalisieren – zumindest nicht in der heutigen Gesellschaft. Ich würde vermuten, dass die kapitalistische Industrie sofort auf eine komplette Drogenlegalisierung aufspringen würde. Der Zigarettenhersteller Philip Morris hat sich bereits alle möglichen Kombinationen aus den Wörtern Marlboro und Marihuana markenrechtlich schützen lassen, für den Fall, dass Cannabis irgendwann mal legalisiert werden sollte. Solche Unternehmen würden den Drogenkonsum propagieren und es würde so enden, wie heute Alkohol und Tabak – es wird kapitalistisch ausgenutzt. Und der Staat würde durch Steuern kräftig mitverdienen. Aber natürlich sehe ich jede staatliche Bevormundung kritisch. Trotzdem würde ich vermuten, dass eine Legalisierung nicht automatisch das Ende der sog. Beschaffungskriminalität, Bandenkriege oder Verelendung mancher Menscher bedeuten würde. Es gibt viele Leute, die mit Drogen nicht so gut umgehen können oder mit ihren Problemen überfordert sind, keinen Ausweg mehr sehen und deshalb Drogen nehmen. Die Drogenindustrie und dazugehörige Lobby möchte von diesen Menschen profitieren und wird dies auch gnadenlos ausnutzen, egal ob illegal oder kommerziell legalisiert.

Kommen wir zum Film: wie ist der gemacht?

Da die Bewegung aus der Musik-Szene entstanden ist, dreht sich der Film viel um Musik und noch mehr um die Menschen, die dahinter stehen. Wir haben neun Leute aus der Straight Edge-Bewegung interviewt: Musiker, Aktivisten, Künstler und einen Uni-Professor beispielsweise. Darunter war auch ein 14-jähriger Junge aus Santa Barbara. Zusätzlich haben wir noch drei Experten zum Thema befragt: Ian MacKaye, Ray Cappo und Karl Buechner. Der Film lässt sich in drei Kapitel aufteilen: Geschichte, Philosophie und Kritik. Uns war es wichtig, die Menschen auf einer sehr persönlichen Ebene darzustellen und ihren Weg zum drogenfreien Leben zu erzählen. Wir haben sie dann jeweils einen Tag lang begleitet und dann interviewt. Es ist ein ruhiger Film, der auch einen soziologischen Hintergrund hat, da Marc und ich auch aus diesem Fachbereich kommen. Wir haben aber auch ein Live-Konzert mit unseren Kameras gefilmt.

Was wollt ihr mit dem Film erreichen?

Komischerweise haben wir bei der Recherche zum Film – das war 2007 – mitbekommen, dass das Bild von Straight Edge in den US-Medien sehr negativ gezeichnet wurde. In Europa und Deutschland wird das Thema fast gar nicht in den Medien behandelt – wenn, dann geht es aber meist um ein drogenfreies Leben, und die Berichterstattung ist dann meist positiv. In den USA hängt Straight Edge das Klischee von einer gewalttätigen Gang an. Das kommt daher, dass es Mitte der 1990er-Jahre in Salt Lake City eine sehr heftige Bewegung gegen Leute gab, die nicht Straight Edge waren. Straight Edge ist in den USA ziemlich populär: Es gibt viele AnghängerInnen und fast jeder in der Bevölkerung weiß, was es bedeutet. In den USA gibt es beispielsweie sogar Straight Edge-Wohnhäuser auf dem Uni-Campus.

Wir wollen mit dem Film zeigen, dass Straigt Edge nicht nur Gewalt ist und es sehr viele unterschiedliche Facetten gibt. Wir haben einen unpolitischen Jugendlichen im Film, der Straight Edge lebt, aber auch einen Umweltaktivsten, den wir auf einer Demonstration begleitet haben. Der Film ist auf Englisch, mittlerweile hat er aber auch deutsche Untertitel. Uns geht es auch darum, den Straight Edge-Gedanken in Deutschland bekannter zu machen und die Menschen, die schon drogenfrei leben, zu motivieren, sich auch politisch zu engagieren und auch außerhalb ihrer Szene aktiv zu werden.

Interview: Michael Schulze von Glaßer

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