Bombodrom am Ende
Bürgerinitiativen haben es nicht leicht: Sie sind oft klein, finanzschwach und finden nur schwer Gehör. Jetzt hat sich gezeigt, dass es trotzdem sinnvoll ist, sich zum Erreichen politischer Ziele zusammenzuschließen und sein Ziel immer im Blick zu haben. David hat gegen Goliath gewonnen: Das Verteidigungsministeriums verzichtet auf den Bundeswehr-Übungsplatz „Bombodrom“ nördlich von Berlin.
17 Jahre dauerte der Rechtsstreit um den Luft-Boden-Schießplatz „Bombodrom“ in der Kyritz-Ruppiner-Heide rund einhundert Kilometer nördlich der Bundeshauptsstadt. In dieser Zeit gab es 27 Gerichtsurteile, die allesamt vom deutschen Verteidigungsministerium und der Bundeswehr verloren wurden. Das deutsche Militär hatte gleich mehrere hartnäckige Widersacher: von der „Bürgerinitiative FREIe HEIDe“ über die „Aktionsgemeinschaft Freier Himmel e.V.“ bis hin zur Unternehmervereinigung „Pro Heide – für eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung e.V.“.

Die Heide ist endlich frei. Jubel bei den Bürgerinitiativen. Foto: AG Freier Himmel
Die Mitglieder der Initiativen wollen keine Bombenabwürfe mehr in der Region – davon hatten sie auch schon genug: Der Truppenübungsplatz in der Nähe der Mecklenburgischen-Seenplatte entstand kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Die Sowjet-Armee hat das 144 Quadratkilometer große Areal damals enteignet und es für Bombenabwurf-Übungen und Tiefflüge von Kampfflugzeugen genutzt – der dabei entstehende Lärm muss in den 14 umliegenden Gemeinden unerträglich gewesen sein. Auch die Häuser nahe dem „Bombodrom“ sind oft von den Erschütterungen in Mitleidenschaft gezogen worden und weisen Risse auf.
Nach dem Fall des Eisernen-Vorhangs zwischen Ost und West und dem Abzug der Sowjets aus der Region hofften die Bürgerinnen und Bürger auf eine zivile Nutzung des Areals – es gab 1990 sogar schon Pläne für die zivile Erschließung des Gebiets und die Nutzung für den Tourismus. Genau der soll der von Flüssen und Seen durchzogenen Region nämlich wieder auf die Beine helfen.
Auch die Bundeswehr zog bis zum 30. Juni 1992 mit. Bis dahin hatte es geheißen, die Bundeswehr werde keine Truppenübungsplätze der Sowjetunion übernehmen. Im Juni 1992 änderte die deutsche Armee ihre Meinung jedoch grundlegend – von nun an wollte die Bundeswehr den Platz für Bombenabwürfe nutzen.
Die Hoffnungen der Anwohnerinnen und Anwohner auf Ruhe zerplatzten. Doch ließen sie sich nicht so einfach abspeisen und gründeten schon einige Monate nach dem Kurswechsel der Bundeswehr die erste Bürgerinitiative für eine zivile Nutzung des Übungsplatzes. Dieser am 30. Juni 1992 beginnende Streit endete am 9. Juli 2009 mit dem Sieg der kleinen Bürgerinitiativen gegen das mächtige deutsche Verteidigungsministerium – die Bundeswehr gibt auf, der Verteidigungsminister verzichtet auf das „Bombodrom“.
Ausdauer und Langatmigkeit sind wohl das Erfolgsrezept der Anti-„Bombodrom“-Bürgerinitiativen. Trotz zahlreicher Hürden – von einfachem Ignorieren durch Politiker bis hin zu Verunglimpfungen durch Konservative – haben die Bürgerinnen und Bürger nicht locker gelassen und die Bundeswehr durch jahrelangen kreativen und friedlichen Protest in die Knie gezwungen. Der Ostermarsch in der Region ist seit Jahren der größte der traditionellen Friedensdemonstrationen. „Ehre wem Ehre gebührt“ titelt eine Lokalzeitung aus der Region – dem kann man sich nur anschließen. Nun kann die Heide endlich zivil genutzt werden.
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Michael Schulze von Glaßer







