Das war der Anti-Castor-Protest 2008!
Nun ist mehr als eine Woche vergangen, seit die elf Atommüllcontainer mit radioaktivem Müll – und einer gehörigen Verspätung – das atomare Zwischenlager in Gorleben erreicht haben. Für alle, die nicht dabei waren, haben wir zurückgeschaut und die wichtigsten Ereignisse zusammengestellt.
Donnerstag – 6. November 2008: Cécile Lecomte festgenommen
Bereits am Donnerstag begannen die Proteste gegen die Atomindustrie und den bevorstehenden Castor-Transport: SchülerInnen demonstrierten im Ort Dannenberg nahe Gorleben; mehrerer Robin-Wood Aktivistinnen und Aktivisten blockierten die Bahngleise in Lüneburg, indem sie sich an drei Brücken gehängt hatten. Von morgens 11 Uhr, bis zur Räumung durch die Polizei am späten Nachmittag blieben die AktivistInnen, die zuvor angekündigt hatten, bis zum Eintreffen des Transports auszuharren, an den Brücken hängen. Eine der AktivistInnen, Cécile Lecomte – die auch schon für die utopia schrieb -, wurde nach der Aktion festgenommen (utopia berichtete). Vorgeworfen wurde ihr nichts, das diese Freiheitsberaubung rechtfertigen konnte. Der Grund war viel mehr die Gefahrenabwehr: die Polizei hatte Angst, Cécile könnte den Castor-Transport durch weitere Aktionen behindern. Immerhin ist die junge Französin für ihre spektakulären Aktionen bekannt.
Am Freitag wurde die Aktivistin dann in eine Polizeikaserne nach Braunschweig gebracht, wo sie bei dauerhafter Beleuchtung, wenig Hofgang und schlechter Behandlung in einer Ausnüchterungszelle festgehalten wurde. Nach einem Nervenzusammenbruch musste Cécile laut einer Information der Anti-Atom-Initiative „AG Schacht Konrad“ ärztlich behandelt werden. Am Sonntagabend wurde das „Eichhörnchen“, so ihr Spitzname, schließlich entlassen. Ob die illegale Präventivstrafe rechtliche Folgen für die Polizei haben wird, bleibt abzuwarten.
Freitag – 7. November 2008: SchülerInnendemo in Lüchow
Am Freitag demonstrierten abermals 500 Schülerinnen und Schüler gegen Atomkraft, diesmal war Lüchow der Ort der traditionellen „Schülidemo“. Begleitet von einem guten Dutzend Trecker verkündeten sie lautstark und Schule-schwänzend ihre Meinung. Etwa 150 Demonstrierende verließen die angemeldete Route, um vor eine Polizeiunterkunft zu ziehen. Dort verschmierten, – beziehungsweise verzierten – sie die BeamtInnen mit Eiern und schicken Anti-Atom-Aufklebern.
Auch die „Rally Monte Göhrde“ fand am Freitag statt. Bei dieser ganz besonderen Rally gilt es, möglichst viele Zufahrtswege rund um die Schienenstrecke in der Göhrde, einem Waldgebiet, durch Barrikaden aus Baumstämmen und Ästen unbefahrbar zu machen. Unbefahrbar natürlich in erster Linie für die Polizei. Dies gelang auch den meisten der etwa 300 TeilnehmerInnen ohne größere Behinderungen durch die Polizei.
Zudem wurde an diesem 7. November die „Republik freies Wendland“ gegründet. 28 Jahre zuvor hatte es die „Republik“ das letzte Mal gegeben.
Um 17.45 Uhr ist der Castor-Transport dann im französischen La Hague gestartet.
Samstag – 8. November 2008: 16.000 Menschen demonstrieren gegen den Atomstaat
Am Samstagmorgen fing der Protest dann richtig an: 16.000 Menschen aus dem Wendland, der Bundesrepublik und der ganzen Welt demonstrierten in Gorleben friedlich gegen die Atomindustrie, Laufzeitverlängerungen und Gorleben als Endlagerstandpunkt. Ergänzt wurde die Demonstration durch 400 Trecker, die aus der ganzen Region angereist waren. Zudem sorgte die Musikgruppe „Madsen“ für gute Stimmung. Warmes Essen gab es – wie bei jeder Aktion in diesen Tagen – von zahlreichen Volxküchen.
Direkt im Anschluss an die Auftaktkundgebung begannen etwa 150 AktivistInnen der Initiative x-tausendmal-quer mit einer Sitzblockade vor dem Zwischenlager.
Während in Gorleben die Massen demonstrierten, hielten kurz hinter der deutsch-französischen Grenze drei AktivistInnen den Castor-Zug auf. Zwei Männern und einer Frau war es gelungen, sich bei Wörth am Rhein an einem Betonblock zuketten. Den Beton hatten sie wohl schon vorher unter das Gleisbett gegossen. Nicht nur die Tatsache, dass dieser Betonblock unentdeckt blieb, ist erstaunlich, viel erstaunlicher ist die Tatsache, dass die Blockade den Transport gute zwölf Stunden zum Stillstand im benachbarten Lauterbourg gebracht hat. Vier BegleiterInnen wurden durch die Polizei entfernt, hinterher fanden sich jedoch bis zu 40 Unterstützerinnen und Unterstützer am Gleis in Wörth ein. Statt wie geplant um 13.40 Uhr, erreichte der Transport Wörth erst gegen 2 Uhr am Sonntagmorgen.
Sonntag – 9. November 2008: Der Atommüll hat Verspätung
Schon am Sonntagmorgen begannen im Wendland die ersten großen Sitzblockaden auf der Transportstrecke, bis zum Abend sind dann immer wieder Gruppen von teilweise mehreren hundert AtomkraftgegnerInnen auf die Schienen gelangt. Dem Castor sind sie jedoch zu dem Zeitpunkt noch nicht nahe gewesen, denn dieser erreichte erst nach 20 Uhr Lüneburg. Zwischendurch spielte die Polizei wegen der enormen Proteste gar mit dem Gedanken, den gefährlichen Transport für eine Nacht in Hamburg zwischenzuparken um nicht bei Nacht durch das von Protestcamps durchzogene Wendland fahren zu müssen. Allem Risiko zum Trotz rollte der Atommülltransport dann doch nach einer Stunde Aufenthalt in Lüneburg Richtung Wendland. Dort wurde der Transport ebenfalls gebührlich von den DemonstrantInnen empfangen, durch viele, meist kleine Sitzblockaden, kam er erst nach 1 Uhr in der Nacht auf Montag beim Verladekran in Dannenberg an. Dort wurden die elf Castor-Behälter auf LKWs verladen.
Montag – 10. November 2008: Nach Plan verlief nur der Protest der Demonstrierenden
Normalerweise dauert es gut acht Stunden, bis alle Castor-Behälter umgeladen sind. In diesem Jahr konnte allerdings auch der Straßentransport nicht wie geplant losfahren.
Schon am Nachmittag wurde die große Sitzblockade vor dem Zwischenlager, an der zu dem Zeitpunkt etwa 1.000 AtomkraftgegnerInnen beteiligt waren, geräumt. Die Räumung ging größtenteils friedlich und mit einer großen Pressebegleitung von statten.
Einen dicken Strich durch die Rechnung machte allerdings eine Blockade der „Bäuerlichen Notgemeinschaft“, die am Montagmorgen zwei Betonpyramiden auf die Transportstrecke im kleinen Dorf Grippel gestellt hatten. In diesen Pyramiden waren insgesamt acht Aktivistinnen und Aktivisten angekettet, der letzte von ihnen wurde erst nach 22 Uhr entfernt.
Gemeinsam mit einer massiven Treckerblockade im Ort Quickborn hat die Pyramidenblockade den Castor-Transport ein weiteres Mal über 10 Stunden an Zeit gekostet. Beide möglichen Straßentransportstrecken waren blockiert. Erst gegen 00.30 Uhr in der Nacht auf Dienstag hat der Atommüll das Zwischenlager in Gorleben erreicht.
Anti-Castor Protest 2008
Damit wurde der Castor über 20 Stunden aufgehalten, ein neuer Blockade-Rekord wurde aufgestellt. Auch durch die vielen, oft positiven Presseberichte, verbucht die Anti-Atomkraft-Bewegung die diesjährigen Proteste als großen Erfolg, gar als eine „Wiedergeburt“ der Castor-Proteste. Bleibt abzuwarten, wie es weitergeht…
Felix Huesmann







