Die ham angefangen!

„Erster Mai Berlin-Kreuzberg. Eine linke Demo. Vorne weg marschiert der schwarze Block. Gewaltbereite Chaoten.“ (Bild.de)
Alle jahre Wieder, pünktlich wie Weihnachten, findet in Berlin-Kreuzberg die Demo zum 1.Mai statt, welche seit 1987 stets von Unruhen begleitet ist. Vermummte Uniformierte in voller Körperschutzausstattung, bewaffnet mit Pfefferspray, Schlagstock und Tonfa jagen sogenannten ChaotInnen durch die Straßen Berlins.

Für Demonstrierende ist dagegen das tragen von Dingen, die dem Schutz des eigenen Körpers dienen könnten (z.B.: ein Regenschirm) illegal. Solch Dinge gelten als „Schutzwaffen“ und sind Grund für eine gewaltsame Festnahme seitens der Polizei. Doch auch auf anderer Seite geht es meist nicht zimperlich vor: Es brennen Barrikaden, Fensterscheiben gehen zu Bruch. Es fliegen Steine.
In der Presse und Politik ist dann die Rede von ChaotInnen, „kriegsähnlichen Zuständen“¹ und vor allem von Gewalt. Gewalt, was ist das eigentlich? Das Wort an sich stammt vom althochdeutschen Wort „waltan“ ab, welches so viel bedeutet wie beherrschen, stark sein.
Im Kapitalismus funktioniert Herrschaft vor allem über die Verfügung von Produktionsmitteln, etwa Grundstücke, Maschinen und schlicht Geld, das jemand auf der hohen Kante hat. Die einen müssen arbeiten, die anderen müssen schauen, dass das Unternehmen am Markt konkurrenzfähig ist. Die Folge sind Burnout, Depressionen und Vereinzelung.

Ganz schön viel Gewalt
Gewalt in Form von Herrschaft ist also täglicher Bestandteil unseres Zusammenlebens und als
solches findet sie die unterschiedlichsten Ausdrucksformen. Krawalle am 1. Mai können uns zeigen, dass aber offensichtlich nicht alle so glücklich damit sind, wie das bei GZSZ manchmal aussieht.

KeineR will zurück weichen

KeineR will zurück weichen

Aus zwei Polen, den Unmut der Menschen über ihre Lebensverhältnisse und der Notwendigkeit des Staates, sein Gewaltmonopol aufrecht zu erhalten (Poizei und Militär sollen die einzigen Akteure sein, die Gewalt anwenden dürfen) entsteht alljährlich ein offener Konflikt auf den Straßen Berlins und anderswo und endet für einige mit Knochenbrüchen und Strafanzeigen. Von Politik und Leitmedien wird stetig versucht, die Ursache für diesen Konflikt allein auf der Seite der Demonstrierenden auszumachen. Geschaffen wird in einer Flut von Artikeln und TV- Ansprachen eine Gruppe, welche für Verletzte und Sachschäden zu verantworten sei: Die ChaotInnen. Diese seien zu nichts anderem fähig als zerstörte Fensterscheiben und brennende Autos. Ihre Motivation für diese Tat liege nur in der Tat selbst.
Diese so völlig ungerechtfertigte, blinde Zerstörung ist dann guten Gewissens mit Schlagstöcken zu beantworten. Dem Bruch von Glas mit dem Bruch von Knochen zuvor gekommen, das Verletzen von Menschen mit dem Beschädigen von Sachgegenständen gerechtfertigt.

Es können doch nicht alle so sein
Für Menschen, welche den Konflikt perspektivisch lösen wollen anstatt die Auseinandersetzung niederzuschlagen und in Gefängniszellen zu ersticken, ist dies so nicht hinzunehmen.
Es gilt, Ursachen für die Krawalle am 1.Mai ausfindig zu machen. Menschen, denen Gewalt
angetan wird, werden auch irgendwann mit Gewalt antworten. Gewalt herrscht täglich, nicht erst am Tag der „Krawalle“: in der Schule, auf der Arbeit, im Kinderzimmer oder im Abschiebeknast (etwa Berlin-Koepenick oder Moabit gleich nebenan). Verletzte sind wir alle, schon lange bevor Steine fliegen oder Menschen mit Wasserwerfern beschossen werden. Strukturelle Gewalt, also Herrschaft des Menschen über den Menschen gilt es an sich zu bekämpfen.
Natürlich ist der Krawall am ersten Mai so ritualisiert wie der Aufmarsch der Polizei. Sie bleiben aber ein Symptom für Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft. Und – angsichts dessen, dass selbst revolutionäre 1. Mai-Demos angemeldet werden – ein reichlich überschaubares.

Olliver Fassing

¹ http://www.noows.de/berlin-und-hamburg-schauplatz-schwerer-krawalle-7743

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