In and out

Etwa 100.000 MigrantInnen in Deutschland leben in lagerähnlichen Unterkünften. Tobias Pieper unterzieht in seinem Buch „Die Gegenwart der Lager“ das Leben dieser Menschen einer umfassenden Betrachtung und stellt das deutsche Lagersystem in einen gesellschaftstheoretischen Kontext.

Ein Bewohner eines Lagers am südlichen Stadtrand Berlins berichtet von seinem Tagesablauf: „Ich mache den ganzen Tag eigentlich immer das Gleiche: Da ich keine Arbeit habe, schlafe ich bis 11.00 Uhr und dann habe ich keine Lust zu essen. (…) Wenn man keine Arbeit hat und immer nur herumsitzen muss, dann hat man irgendwann auch keine Lust mehr auf das Leben. (…) Ich sitze häufig bei anderen Bewohnern zum Diskutieren, zum Fernsehgucken oder zum Essen, um dann wieder zu schlafen. Die andere Zeit bin ich meistens hier in meinem Zimmer oder hier im Wohnheim. Vom Gefühl her ist das wie ein Gefängnis, nur dass man die Erlaubnis hat, in den Garten zu gehen. Aber das ist auch ein Gefängnis,“ Er ist ein Migrant von vielen, die nach Deutschland fliehen, und die während des Asylverfahrens oder als Geduldete häufig jahrelang in lagerähnlichen Einrichtungen leben müssen.
Die über 1.300 Lager sind über ganz Deutschland verteilt dezentral in den Kommunen angesiedelt. Dabei existieren unterschiedliche Arten von Lagern mit verschiedenen Zwecken: Die Erstaufnahmeeinrichtungen, Gemeinschaftsunterkünfte für längerfristige Aufenthalte und die Abschiebelager und Abschiebhaftanstalten. Abgesehen von den Haftanstalten handelt es sich bei den Unterkünften nicht um Internierungslager, die meisten Einrichtungen sind offen: Die Betroffenen können daher die Einrichtung verlassen, sie müssen sich jedoch regelmäßig melden und sind durch die sogenannte Residenzpflicht gezwungen, ihren Landkreis oder zumindest ihr Bundesland nicht zu verlassen. Es sei denn, sie verschwinden und tauchen in die Illegalität ab.

Konflikte, Langeweile und fast kein Privatleben

Nach einem historischen Abriss über die staatliche Entrechtung von Flüchtlingen in der Bundesrepublik Deutschland beleuchtet Tobias Pieper dieses „dezentrale halboffene Lagersystem“ zunächst anhand einiger ausgewählter Beispiele. Untersucht werden ein Lager in Berlin, zwei in Brandenburg sowie das Abschiebelager Bramsche-Hesepe in Niedersachsen. Der Autor hat hierfür Interviews mit BewohnerInnen sowie mit den Lagerleitungen durchgeführt und selbst das Leben in den Lagern beobachtet. Dabei treten zum einen Gemeinsamkeiten zutage, die sich aus dem engen Zusammenleben vieler Menschen in angespannten Situationen ergeben: Es ist laut und dreckig, Konflikte treten auf, ein Privatleben ist fast unmöglich, das Leben ist von Langeweile geprägt, die Menschen haben kaum finanzielle Mittel. Pieper zeigt aber auch Unterschiede der verschiedenen Lager auf. So kann ein engagiertes Verhalten der Lagerleitung das Leben der BewohnerInnen erleichtern. Auch macht es einen Unterschied für das Leben der MigrantInnen, ob das Lager in einem Wald in Brandenburg oder nahe der Berliner Innenstadt liegt. Eine besondere Bedeutung hat schließlich das Abschiebelager Bramsche-Hesepe: Hier sollen Menschen zur „freiwilligen Ausreise“ in ihr Herkunftsland angehalten werden. Das Lagerleben ist gekennzeichnet von einem Belohnungs- und Bestrafungssystem, für die BewohnerInnen gibt es dabei allerdings nur drei Möglichkeiten: „Freiwillige Ausreise“, Abschiebung oder der besagte Weg in die Illegalität.

Tobias Pieper: Die Gegenwart der Lager

Tobias Pieper: Die Gegenwart der Lager

Diese Erkenntnisse ordnet Pieper im Anschluss daran gesellschaftspolitisch und funktionalistisch ein. Unter Rückgriff auf raumtheoretische Überlegungen können die Lager sowie die damit zusammenhängende Residenzpflicht für die BewohnerInnen zunächst als ausschließende Strukturen analysiert werden. Durch die dezentrale Anordnung der Unterkünfte wird daneben eine mögliche Organisierung von Widerstand unterbunden. Hinzu kommt, dass moderne Kommunikationsmittel weitgehend vorenthalten werden und die Lager vielfach fernab der Öffentlichkeit angesiedelt sind, was eine Solidarisierung seitens der lokalen Bevölkerung unmöglich macht. Schließlich führt die Unterbringung in Lager zu einer umfassenden Kontrolle der MigrantInnen im Sinne klassischer Disziplinierung. Das Lagerleben ist durch die mangelnde Perspektive für die BewohnerInnen eine wesentliche Ursache für den Weg in ein Leben ohne Papiere. Damit steht dem Markt zugleich eine Vielzahl von illegalen und damit billigen und entrechteten Arbeitskräften zur Verfügung, auf die bei Bedarf zurückgegriffen werden kann.

Das Lagersystem als Symbol für Herrschaftsausübung

Das Lagersystem ist vor diesem Hintergrund als sich ständig reproduzierender rassistischer Ausschluss und als – auch architektonisches – Symbol gesellschaftlicher Herrschaft der „Weißen“ über die „Nicht-Weißen“ zu begreifen. Die rassistische Markierung wird untermauert durch ständige Polizeikontrollen, die Ausstattung mit Lebensmittelgutscheinen und die Versorgung mit Altkleidern. Durch die umfassende Institutionalisierung mittels Gesetz und behördlicher Umsetzung ist das Gesamtsystem überdies – als Teil des institutionellen Rassismus – normalisiert, wird also nicht als zu dramatisierende Menschenrechtsverletzung in der Öffentlichkeit wahrgenommen.

Tobias Pieper gelingt mit diesem Buch eine umfassende Betrachtung, die weder bei einer Beschreibung der Zustände noch bei einem kurzfristigen Postulat von Rechten für Flüchtlinge stehen bleibt. Stattdessen analysiert und kritisiert er die zugrundeliegenden Verhältnisse insgesamt, ohne jedoch zu resignieren: „Nach Jahren der Entrechtung“, so heißt es am Schluss, „ist es an der Zeit, allen nur geduldeten und bereits hier lebenden MigrantInnen einen Aufenthalt und eine Platz in dieser Gesellschaft jenseits des Lagers anzubieten.“

Matthias Lehnert

Tobias Pieper: Die Gegenwart der Lager. Zur Mikrophysik der Herrschaft in der deutschen Flüchtlingspolitik. Münster 2008,Westfälisches Dampfboot Verlag, 425 Seiten, € 29,90.

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