Mädchen als Jungen
Ein ungewöhnliches Bild bot sich am vergangenen Freitag den Pasantinnen und Passanten in der Innenstadt von Gummersbach. Auf der Einkaufsstraße gingen Männer in Kleidern oder Röcken auf und ab, die Gesichter mit Liedschatten und Lippenstift bearbeitet. Junge Frauen hingegen trugen weite Hosen, T-Shirts, Basecaps und angeklebte Bärte.

Aus Junge wird Mädchen - Aktion in Gummersbach. Foto: JDJL
Cross-Dressing heißt die Aktionsform, bei der sich Leute typische Klamotten des jeweils anderen Geschlechts anziehen. Oft geschieht dies um Irritation hervorzurufen und andere Menschen zur Hinterfragung von Geschlechterrollen anzuregen. So auch bei der Aktion in der nordrhein-westfälischen Stadt Gummerbach. Sie wurde von Teilnehmenden des „linken Camps zur rechten Zeit“ des Jugendverbands JungdemokratInnen/Junge Linke durchgeführt.
„Natürlich wollen wir nicht, dass alle Frauen sich Bärte ankleben und alle Männer Röcke tragen“, erklärt eine Aktivistin. „Wir wollen provozieren und gängige Geschlechterrollen kritisieren. Diese sehen wir nicht nur bei der Kleidung, sondern auch bei sehr vielen Verhaltensweisen: Ein Junge, der in der Öffentlichkeit weint, gilt nicht als normal, während Mädchen Gefühle zeigen dürfen. Mädchen, die laut rumbrüllen, werden kritisch beäugt. Bei Jungen ist es anders herum.“

"Geschlechter rollen... selbstverständlich anders" Aktion in Gummersbach. Foto: JDJL
„Ich finde das nicht so schlimm“, erwidert ein junger Passant, „wenn ich will, dann weine ich. Niemand hindert mich daran. Männer wollen einfach nicht weinen.“ Die verkleideten Aktivistinnen und Aktivisten sehen das anders. Zwar werde Männern normalerweise nicht das Weinen direkt verboten, aber es werde Druck aufgebaut, zum Beispiel, indem Männer, die Emotionen zeigen, als „unmännlich“ oder „schwul“ abgestempelt und ausgeschlossen würden.
Das Flugblatt, das die verkleideten Jugendlichen bei ihrer Aktion verteilen, nennt weitere geschlechtsspezifische Rollen: „Für jedes Mädchen, das seine Puppenküche aus dem Fenster schmeißt, gibt es einen Jungen, der sich wünscht, eine zu finden.“

Das Flugblatt zur Aktion. Foto: JDJL
Die Einteilung von Menschen in „Mädchen“ und „Jungen“ wird dabei von den Aktivistinnen und Aktivisten selbst kritisiert. „Einige von uns bestreiten, dass es überhaupt so etwas wie ein biologisches Geschlecht gibt“, erklärt ein Aktivist. Zwar hätten die meisten Menschen die so genannten „primären Geschlechtsmerkmale“ wie Penis und Vulva, aber selbst diese seien unterschiedlich stark ausgeprägt und bei manchen sogar gar nicht vorhanden. „Es macht keinen Sinn Menschen in zwei Geschlechter einzusortieren. Das ist aber schwierig per Flugblatt zu vermitteln. Deswegen greifen wir erstmal auf die Kategorien ‘Mädchen’ und ‘Jungen’ zurück“, rechtfertigt er das Flugblatt.
Bei der abschließenden Hauptaussage des Flugblatts waren sich die Aktiven jedoch einig: „Solange wir uns an Geschlechterrollen ketten lassen, haben wir nichts zu verlieren außer unseren Fesseln.“
David
Weitere Informationen: www.jdjl.org







