Rezension: ja Anarchismus!

Über den Anarchismus wurde viel geschrieben. Das meiste davon sind allerdings wohl Werke der anarchistischen „Klassiker“. Oder theoretische Bücher über eben diese Klassiker, über die verschiedenen Ansätze oder über die Geschichte des Anarchismus. Bernd Drücke geht nun einen anderen Weg: Er führt Interviews mit Personen, die im Moment in der Anarchistischen Bewegung aktiv sind.

Bernd Drücke hat 1998 seine Doktorarbeit „Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ veröffentlicht. Danach wurde er Koordinationsredakteur der anarchistischen Monatszeitung „Graswurzelrevolution“, der auch die utopia beiliegt.

ja Anarchismus! Das Interview-Buch für alle AnarchistInnen

ja Anarchismus! Das Interview-Buch für alle AnarchistInnen

In dem von ihm herausgegebenen Buch „ja! Anarchismus“ kommen 19 Personen und Gruppen zu Wort, die alle eines gemeinsam haben: Sie verstehen sich selbst als AnarchistInnen und haben einen kleinen oder großen Einfluss auf die anarchistische Bewegung. Sie alle sind, wie Drücke im Vorwort des Buches schreibt, Menschen die nicht „im Rampenlicht der Massenmedien“ stehen, aber doch wichtige Erlebnisse und Erfahrungen haben. Ziel des Buchs sei es, diese unbekannten AnarchistInnen vor dem Vergessen und dem Verstauben in Archiven zu bewahren und die LeserInnen zu inspirieren und zu ermutigen.

Vor allem ist das Buch aber interessant und unterhaltsam. Es zeigt, wie unterschiedlich die Wege der einzelnen AktivistInnen, AutorInnen und der anderen Interviewten sein können. Zu Wort kommen zum Beispiel Hanna Mittelstädt und Lutz Schulenburg, die den Verlag „Edition Nautilus“ gegründet haben. Die „Edition Nautilus“ hat sowohl Bücher von und über Anarchisten im Programm, als auch vielverkaufte Romane, wie die Bestseller der Autorin Andrea Maria Schenkel.

Und so sollte es vorher aussehen: ja! Anarchismus. Foto: Graswurzelrevolution

Und so sollte es vorher aussehen: ja! Anarchismus. Foto: Graswurzelrevolution

Auch Menschen, die sich in erster Linie selbst an politischen Aktionen beteiligen, kommen zu Wort. Mit Osman Murat Ülke auch jemand, der deshalb staatlich verfolgt wurde und wird. Der Türke verweigerte 1995 den Kriegsdienst – was in seinem „Heimatland“ ein Verbrechen ist. Für dieses „Verbrechen“ saß Ülke insgesamt mehr als 700 Tage im Gefängnis und lebt heute quasi illegalisiert und ohne Zugang zu gültigen Papieren, Versicherungen und fester Arbeit in der Türkei. Er schildert im Interview, mit welchen Problemen er selbst, aber auch jede radikale Opposition in der Türkei zu kämpfen hat.

So interessant wie das Buch ist, sieht es allerdings nicht wirklich aus. Im roten Umschlag und mit dem Schwarzweißbild eines fahneschwenkenden Anarchos. Besonders originell ist das nicht und auch das Schriftbild erinnert mehr an ein gewöhnliches Word-Dokument als an ein Taschenbuch.

Felix H.

Comments are closed.