Scheiß Happy End
Steven Spielbergs lehrte uns in „Jurassic Park“ nicht mit Genmanipulation rumzuexperimentieren. Der von Peter Jackson produzierte Streifen „District 9“ spielt mit Außerirdischen auf die Apartheid in Südafrika an. Nun zeigt James Cameron wie indigene Völker für Profitinteressen ermordet und vertrieben werden. Avatar – ein neues Highlight des politischen Films mit einem Haken.
Avatar – Aufbruch nach Pandora
Der Film spielt auf dem fernen Planeten Pandora, der der Lebensraum der intelligenten, menschenähnlichen Lebensform Na’vi ist. Da die Rohstoffvorkommen der Erde erschöpft sind, betreiben die Menschen auf Pandora eine riesige Erzmine. Problem: große Erzvorkommen befinden sich unter dem Dorf – einem riesigen (Wohn-)Baum – der Na’vi. Die Menschen im Film spalten sich grundlegend in diejenigen, die versuchen die Na’vi friedlich zur Umsiedlung zu bewegen und Militärs, die mit Gewalt gegen das indigene Volk vorgehen wollen und bereits die schon bestehende Erzmine militärisch schützen. Die Militärs setzen sich nach einigem Hin und Her durch und greifen die Na’vi an: zerstören den Wohnbaum und töten dabei unzählige Indigene.
Im Vordergrund Hauptdarsteller Sam Worthington, dahinter ein "eingelegter" Na'vi. | Foto: www.avatar-derfilm.de
Die eng mit der Natur und dem Ökosystem des Planeten verbundenen Na’vi formieren sich danach zu einem groß angelegten Gegenschlag um die Eroberung ihrer heiligen Stätte durch das Militär zu verhindern. Anfangs noch erfolgreich entwickelt sich die Schlacht für die Na’vi zum Desaster – unterlegt von eindrucksvollen, abschreckenden Kriegsszenen wie brennenden pferdeartigen Wesen die sonst von den Na’vi geritten werden.
Doch wo die Realität endet, tut es der Film an dieser Stelle (leider) nicht. Der im Film beschriebene Konflikt kann auf die reale Welt übertragen werden: der Konflikt zwischen schwachen Indigenen und einer monströsen, zerstörenden Industrie. Nachdem die Na’vi den Kampf fast verloren haben, eilt ihnen die Natur zu Hilfe. Tiger-, Hyänen- und Nashorn-artige Wesen kämpfen nun seit an seit gegen die Militärsöldner und besiegen sie letztlich. Die Menschen müssen den Planeten daraufhin – bis auf wenige Na’vi loyale – verlassen.
Kritik – Stereotypen und Happy End
Den bösen Part nimmt im Film vor allem ein fanatischer Militär ein – der Minenbesitzer bzw. Chef der schon bestehenden Erzmine auf Pandora ist weniger blutrünstig, stellt sich im Endeffekt aber dennoch hinter seinen Militärchef. Schade, dass das Militär im Film nicht grundlegend als etwas Unmoralisches gezeigt wird, sondern nur einzelne Leute – im Film eben der fanatische Militärführer – grausam dargestellt werden.
Zudem wird der Kampf natürlich von beiden Seiten militärisch ausgefochten. Zwar wurde versucht den Konflikt durch Gespräche niederzulegen, doch gewaltfreien, zivilen Ungehorsams wurden nicht versucht. Dies ginge für die Tiefe des Films allerdings auch wohl zu weit.
Links: Klischee-Militär | Rechts: Ballern für den Frieden | Foto: www.avatar-derfilm.de
Größtes Manko am technisch beeindruckenden 3D-Film ist jedoch das Ende: Es ist schön, dass der auch real bestehende Konflikt um Rohstoffe und Natur in dem Film inszeniert wird. So finden auch ansonsten (politisch) uninteressierte Menschen einen Zugang in diese reale Thematik – so die ZuschauerInnen denn den Bogen zur heutigen Zeit spannen können: Beispielsweise kämpfen in Ecuador aktuell UmweltschützerInnen und der Stamm der Huaorani-IndianerInnen um ihre Heimat im Regenwald. Der Yasuni-Nationalpark und das angrenzende Ispingo-Tambococha-Tibutini-Gebiet am Oberlauf des Amazonas soll zur Förderung von Erdöl freigegeben werden. 135 Milliarden Liter Schweröl sollen unter dem Regenwald-Gebiet lagern – auch die deutsche Bundesregierung engagiert sich für eine Förderung des Umweltschädlichen Rohstoffs und die damit verbundene Vernichtung wertvoller Natur. Wo Indigene und Natur in der Realität jedoch fast immer das Nachsehen haben und den Kampf gegen die Industrie verlieren, gehen sie in James Camerons Film als Sieger vom Platz. Warum, so könnten sich die aufmerksamen ZuschauerInnen fragen, sich also gegen die Abholzung des Regenwalds und die Vertreibung von indigenen Völkern engagieren, wenn am Ende doch alles gut geht? Schade, dass Cameron nicht auch in diesem letzten entscheidenden Punkt den Bogen zur Realität spannt.
Wäre George Orwells „1984“ so ein eindrucksvolles Meisterstück gegen Überwachung, hätte es ein Happy End? Wohl nicht. So ist „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ ein beeindruckender Film mit politischem Thema. Die Welt verändern wird er aber nicht.
Michael Schulze von Glaßer





