Wer hat uns verratInnen?

In seinem neuesten Buch legt Helge Döhring ein Augenmerk auf eines der unrühmlichsten Kapitel der Sozialdemokratie: Die Beteiligung der Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) und des Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) an der Kriegshetze zum 1. Weltkrieg und den Kriegsdarlehen. Warum eigentlich hat sich die „zu dem Zeitpunkt stärkste ArbeiterInnenbewegung der Welt“ sich nicht mit einem Generalstreik gegen das Gräuel des Krieges gewehrt?

Helge Döhring ist bekannt als eine Art Haushistoriker der FAU und syndikalistischer Gewerkschaftbewegungen im deutschsprachigen Raum. Themen wie Anarchosyndikalismus in Ostpreußen und ähnliche Grundlagenforschung fallen in sein Aufgabengebiet. Leider wirkt seine Rhetorik etwas angestaubt, Personen kommen bei ihm nur in der männlichen Ausführung vor und radikale Kritik an reformistischen und marxistischen Ideologien nimmt immer einen großen Platz ein.

In seinem neuen Buch beschäftigt er sich mit dem realativ zentralen Thema 1. Weltkrieg, Kriegskredite und das Scheitern der Sozialdemokratie an der Wirklichkeit.
Der Grund für die reaktionäre Politik von SPD und ADGB vor dem 1. Weltkrieg wird hier dargestellt als marxististisches Brett vorm Kopf. Die Versuche werden geschildert, mehr politische Macht im Parlament zu ausüben zu können und das zu tun, was für den historischen Zeitpunkt das Richtige sei. Das Richtige war für die SPD-Linke, wie etwa Rosa Luxemburg, erst einmal die Erringung von Herrschaft, da diesen Menschen die Zeit nicht reif für eine Veränderung zu Gunsten aller schien.

Foto: Edition AV

Foto: Syndikat A

Viele der Thesen wirken wie ein Aufschrei und sind Balsam für die Gemüter derer, die sich von SozialdemokratInnen, parlamentarischen VertreterInnen und GewerkschaftsfunktionärInnen verraten fühlen.
Die Sozialdemokratie als „Sekundant des Kaisserreiches“ bietet vielen von der Sozialdemokratie enttäuschten RevolutionärInnen ein wenig Genugtuung. Das birgt aber letztlich doch die Gefahr, wieder die gleiche Geschichte zu erzählen, wie die gegenseitige Beschuldigung von KommunistInnen, AnarchistInnen und SozialdemokratInnen, der NSDAP und Adolf Hitler zu politischer und gesellschaftlicher Macht verholfen zu haben.

Hat sich was getan seit damals?
Döhring sieht sich dabei in Gesellschaft der bereits vor Mitte des letzten Jahrhunderts verstorbenen Friedeberg und Roller. Diese beiden Befürworter dezentraler und hierarchiearmer – syndikalistischer – Gewerschafts- und ArbeiterInnenbewegung lässt er in seinem Buch zu Wort kommen.
Gerade auch dadurch wird offenbar, dass der Niedergang der Sozialdemokratie nicht erst mit Helmut Schmidt zu Grunde gegangen ist. Die reaktionäre Politik von Bebel und Liebknecht und ihre Zustimmung zu einem Krieg „für das Deutsche Volk“ und den Krediten, die die SPD dem Kaiserreich anlässlich des Krieges gegeben hat war letztlich schon der Sargnagel, der offenbart, dass die Sozialdemokratie für Gelichheit und Freihei jedenfalls nicht gut ist.
Das Fazit, was Döhring zieht ist allerdings wenig zukunftsweisend. Wir sollen uns nicht von diesen Heilsversprechen, wie „nach der Revolution wird alles besser“ blenden lassen, sondern dort wo wir sind unsere Belange selbst in die Hand nehmen. Angesichts der Tatsache, dass nur noch die letzten linken GewerkschafterInnen und AnarchosyndikalistInnen ein Buch, das Generalstreik heißt in die Hnad nehmen würden, eine reichlich überflüssige Warnung.
Letztlich bedeutet sein Aufruf, dass der DGB, die Sozialdemokratie (die Partei, die dem heute am nächsten kommt, ist wohl DIE:LINKE, auch wenn diese lange nicht so revolutionär ist, wie die SPD damals) schlecht für die Befreiung von Menschen aus Unterdrückung sind.
Fragt sich, ob wir gesellschaftlich nicht längst da angekommen sind, wo selbst der DGB und DIE:LINKE nichts mehr falsch machen können. Denn was Helge Döhring nicht mitbedenkt, dass durch Normen und Gebräuche die meisten Menschen eben nicht einmal mehr das Ziel haben, ein gutes Leben führen zu wollen.

Felix Blind

Helge Döhring – „Generalstreik!“ Verlag Edition AV, Lich, 2009

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