„Biste schwul, oder was?!“

‘Schwule Sau’ oder ‘Scheiß Lesbe’ sind Bezeichnungen, an die sich leider schon viele ‘Betroffene’ gewöhnt haben. Auch die regelmäßige Schändung des Mahnmals zur Erinnerung an die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen sowie gewaltsame Übergriffe gegen Les.bi.schwul.trans sind leider traurige Realität.

Trotz rechtlicher Fortschritte (bspw. Homoehe), offen homosexueller Menschen in Politik und Medien und Christopher Street Days (CSD) in fast jeder größeren Stadt ist der gesellschaftliche Umgang mit nicht heterosexuellen Menschen immer noch von Diskriminierung und Ablehnung geprägt.

Es scheinen zwei parallele gesellschaftliche Entwicklungen von sich zu gehen. Zum einen eine Liberalisierung und selbstverständliche Anerkennung von nicht heterosexuell lebenden Menschen, zum anderen eine zunehmende Ablehnung bis hin zu gewaltsamen Bekämpfung von allen Lebensformen, die nicht in das Bild einer heterosexuellen Durchschnittsfamilie passen. Im Folgenden werden die Formen und das Ausmaß der Diskriminierungen dargestellt. Zudem wird daran anschließend der Begriff der Homophobie einmal kritisch hinterfragt, um für aktuelle und zukünftige soziale Kämpfe gerüstet zu sein.

Alle anders, alle gleich?!?
Als am 1. August 2001 das Lebenspartnerschaftsgesetz – kurz: “Homoehe” – in kraft trat, prophezeiten liberale gesellschaftliche Gruppen die abgeschlossene Emanzipation der Homosexuellen. Zwar wurde damit im bürgerlichen Recht die Partnerschaft von gleichgeschlechtlichen Menschen anerkannt und sie bekamen wichtige Rechte, jedoch ist die Homo- gegenüber der Hetero-Ehe in viele Bereichen nicht gleichgestellt. Der Staat fördert immer noch die ‘klassische Kleinfamilie’.
In vielen Bereichen werden Homosexuelle immer noch benachteiligt. So dürfen sie bspw. kein Blut spenden, da sie wie DrogengebraucherInnen und SexarbeiterInnen der Hochrisikogruppe zugeordnet werden. Natürlich kann man beim Fragebogen seine sexuelle Orientierung einfach verleugnen, aber gerade diese Verleugnung ist immer noch prägend für den Alltag von gleichgeschlechtlich orientierten Menschen. Es ist leider ein trauriges Faktum, dass Les.bi.schwul.trans-Personen im Laufe ihrer Sozialisation darauf geprägt wurden, ständig ihr Verhalten zu kontrollieren und nur an ‘ungefährlichen’ Orten oder in ‘ungefährlichen’ Situationen ihre grundlegenden Bedürfnisse nach Nähe und Zärtlichkeit offen zu zeigen. Diese ständige Kontrolle des eigenen Verhaltens zeigt nur zu deutlich, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von homosexuellen Lebensweisen immer noch nicht verwirklicht ist!
Auch in der medialen Öffentlichkeit gibt es oft unterschwellige Homophobie; eine offen homophobe Stimmungsmache ist aber glücklicherweise nicht mehr möglich. Die verdeckte Homophobie ist am Beispiel des offen schwulen Bürgermeisters von Berlin festzumachen. Er wird häufig nicht für seine politischen Projekte oder Ansichten kritisiert, sondern dafür, dass er der “Partybürgermeister” sei. Hier schlägt die homophobe Assoziationskette – schwul = ewige Party mit CSDs, sexueller Ekstase etc. – voll durch. Im heterosexuellen Mainstream ist die Assoziationskette Homosexualität = egoistischer Individualismus und Heterosexualität = auf das Gemeinwohl ausgerichtet immer noch dominant.

Wer hasst ‘uns’ eigentlich so?
Einige Hinweise auf die Frage, wer homosexuelle Lebensweisen ablehnt bzw. sie nicht akzeptiert, gibt der Forschungsbericht der Antidiskriminierungsstelle der Bundes. So lehnen die traditionellen und die Mainstream-Milieus eine vollständige Gleichberechtigung ab und sehen oftmals auch keine Notwendigkeit eines besonderen Diskriminierungsschutzes. Zusammen machen diese Milieus ca. 53% der Gesamtbevölkerung der BRD aus.
Tiefenpsychologisch gesehen dient Homophobie der Abwehr von ‘Ängsten’. Je geringer das Selbstwertgefühl, die soziale Integration und die soziale Lage eines Menschen sind, desto stärker ist sein homophobes Verhalten. Auch spielt die Angst vor den eigenen homosexuellen Anteilen eine Rolle. Eine Studie aus den USA zeigte 1996, dass 54,3% der homophoben Männer eindeutig erregt waren beim Anschauen von sexuellen Handlungen zwischen Männern. Auch die Angst, emotional berührt zu werden und die Infragestellung des traditionellen Männlichkeitsideals bzw. der heterosexistischen Normenvorstellungen erzeugen Ablehnung. Nicht zu unterschätzen ist die Angst vor sozialer Unsicherheit und das Streben nach Macht. Homosexuelle sind dann eine Gruppe die vermeintlich noch schwächer ist.

Homophobie oder Heterosexismus?
Der Begriff Homophobie leitet sich aus dem Griechischen (homo = gleich und phobos = Angst/Phobie) ab. Der Begriff kam mit der 2. Lesben- und Schwulenbewegung in den 1970er Jahren nach Deutschland und fand Verwendung als politischer Kampfbegriff. In den Sozialwissenschaften hat sich der Begriff des Heterosexismus jedoch durchgesetzt. Dies hat folgende Gründe:
Grundsätzlich impliziert der Begriff der Homophobie, dass die Ablehnung von Homosexuellen eine Krankheit sei, er pathologiesiert die sozialen Handlungen also. Damit wird die Verantwortung für das Handeln abgelehnt bzw. auf die angebliche Krankheit verwiesen.
Zudem erkennen PhobikerInnen ihre Ängste als übertrieben an, HomophobikerInnen betrachten die Ablehnung jedoch als gerechtfertigt.
Auch ist das Ergebnis einer Phobie die Vermeidung, das Ergebnis von Homophobie ist jedoch Aggression. Darüber hinaus besitzen Menschen mit Phobien einen inneren Leidensdruck und wünschen diesen zu verändern, homophobe Menschen hingegen erzeugen Leidensdruck bei anderen Menschen.
Der Begriff des Heterosexismus wurde in der BDR seit den 1980er Jahren verwendet. Die Verwendung sollte eine Parallele zu den Begriffen Sexismus und Rassismus schaffen und die schwierige Verknüpfung mit Phobie (als psychologischer Störung) überwinden.
Heterosexismus beschreibt die oft subtile gesellschaftliche Neigung und das ideologische System, jede Form von Identität, Verhalten, Beziehung oder Gemeinschaft, welche nicht eindeutig der auf Heterosexualität basierenden sozialen Norm entspricht, zu verleugnen, verunglimpfen und zu stigmatisieren. Heterosexismus verweist somit auf Chauvinismus als Ursache des ablehnenden Verhaltens und schließt bisexuelle, transgender, aber auch androgyne Menschen mit ein.
Vor allem das System der heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit mit den dazugehörigen Implikationen, was weiblich und was männlich sei, ist damit Ursache der Ablehnung. Genau hier muss angesetzt werden: Nur wenn das System der Heteronormativität aufgebrochen wird, kann es eine vollständige Akzeptanz von Les.bi.schwul.trans-Menschen geben. Es bleibt also viel zu tun!

Torsten Schulte

Christopher Street Day

Wenn wir uns mit der Geschichte der Schwulen- und Lesbenbewegung auseinandersetzen, führt kein Weg am „Stonewall Riot“ in New York vorbei. Es gab zwar schon früher Auseinandersetzungen und Kampagnen doch dies war das erste Mal das so etwas in aller Öffentlichkeit passierte. Für die amerikanischen Lesben und Schwulen spielten Bars und Kneipen als kulturelle und soziale Zentren schon immer eine wichtige Rolle. Dementsprechend wurden die Bars der Szene immer wieder Opfer von sehr gewalttätigen und manchmal sogar tödlichen Durchsuchungen der Polizei. Im Staat New York gab es sogar ein Gesetz, das jede Frau und jeden Mann dazu zwang, mindestens drei Kleidungsstücke zu tragen, die zu dem Geschlecht, mit dem sie geboren wurden, „passe“.
Am 28. Juni 1969 wurde die Schwulen-Bar „Stonewall Inn“ auf der Christopher Street im New Yorker Stadtteil Greenwich Village von der Polizei gestürmt und durchsucht. In Folge der Razzia brachen Ausschreitungen aus, die den Stadtteil für fünf Tage lahmlegten. Die Queers (siehe Artikel „Was ist eigentlich Queer?“) waren nicht mehr länger Opfer sondern begannen sich zu wehren und gaben gleichzeitig den Startschuss für das, was wir heute oftmals in Deutschland die „Schwulen- und Lesbenbewegung“ nennen. So entstanden, nach dem Stonewall Riot, Gruppen wie die „Gay Liberation Front“. Nach der Christopher Street wurde auch der traditional jedes Jahr stattfindende internationale Fest-, Gedenk- und Demonstrationstag, der Christopher Street Day, benannt.

BRiB

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