Was ist eigentlich Queer?

Queer ist komisch. Nicht nur ein komischer Begriff, sondern meint auch einfach etwas Komisches: Menschen, die sagen, sie können und wollen nicht einfach ein Geschlecht, eine Sexualität annehmen. Diese Menschen behaupten sogar, sie kämen ohne alle bürgerlichen Kategorien von Liebe und Sexualität aus.

In den 70er-Jahren war sexuelle Befreiung vor allen anderen Dingen die Loslösung von christlich-fundamentalistischen Werten wie Lustfeindlichkeit, Monoarmorie (Einehe) und Homophobie (Ablehung gleichgeschlechtlicher Liebe und Sexualität). Diese Ideale waren auch aus bürgerlicher Sicht längst überfällig, da es ja die Notwendigkeit, viele Kinder zu produzieren, gesellschaftlich nicht mehr gab. Auch stimmen die neuen Errungenschaften der Sexualität durchaus mit den Werten der europäischen Aufklärung, einer für das Bürgertum wichtigen Epoche des 18. Jhd., in der die Vernunft in den Mittelpunkt gerückt wurde, überein.
Damit ist für den aufgeklärten Menschen auch wieder alles in Ordnung. Menschen haben von Natur aus ein Geschlecht und eine Sexualität. Diese sind reine Privatsache, müssen also auch nicht öffentlich verhandelt werden. Fortan gibt es eben nicht nur Frauenstrickabende, sondern eben auch Schwulenbars und Fitnessstudios für Lesben.

Und immer noch fühlten sich Menschen in dieser Welt nicht wohl. Sie passten immer noch nicht in diese jetzt “aufgeklärte” Welt. Denn einiges war ja immer noch verpönt. Sicherlich haben viele von euch das Ergebnis schon einmal gesehen: Menschen, die gebeugt gehen, weil sie als Mann doch lieber keinen Rock tragen sollen, oder vielleicht einfach eine Frau, die sich beschämt die Brüste verhüllt, wenn am Strand jemand hinschaut.
Diese Menschen, die sich nun wirklich nicht zuordnen lassen wollten, behaupteten einfach, Natur hätte mit der Art und Weise, wie sie seien, reichlich wenig zu tun. Viel mehr seien es eben jene anderen, die davon überzeugt waren, Sexualität sei Privatsache, die gelichzeitig die Rollen, die andere im Leben zu spielen haben, mitbestimmten.

Michel Foucault hat prophezeit, immer wenn ein Merkmal von Menschen in der Gesellschaft anerkannt würde, würde die Nicht-Anerkennung aller noch nicht anerkannten Merkmale heftiger. So konnten sich alle, die jetzt eine gesellschaftlich anerkannte sexuelle Rolle hatten, über die empören, die diese nicht hatten. Männer und Frauen, Heteros – das sind Menschen, die immer nur Menschen vom jeweils anderen Geschlecht sexuell ansprechend finden – und Schwule konnten sich nun über diese anderen “Unentschiedenen”, die mit keiner der angebotenen Rollen klar kamen, mokieren. Sie nannten diese anderen dann einfach „komisch“, english „queer“. Und irgendwann nahmen die so Beleidigten das Wort auf. Sie nahmen es nicht mehr als Beleidigung an, sondern waren vielmehr stolz darauf, queer zu sein.

Heute ist queer sein natürlich schwerlich ein Problem. Jeder ist queer, bei einigen bedeutet das einfach keine so große Abweichung von den Rollen der Aufklärung. Einige wenige wollen aber immer noch nicht queer sein. Sie halten “die Natur” hoch, wie vorher die christlichen FundamentalistInnen ihren Gott. Sie reihen sich damit in diese Denktradition ein, und werden gleichsam bürgerliche FundamentalistInnen. Wie das aber funktioniert, ist eine andere Geschichte, und wird an anderer Stelle erzählt: In dem Artikel „Was ist eigentlich Dogmatismus?“.

Felix B.

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