„Interessen von Tieren bleiben außen vor“

Kampagne gegen Milchtierhaltung gestartet

Am 16. Januar demonstrierten AktivistInnen anlässlich der Grünen Woche und des Internationalen Agrarministertreffens in Berlin gegen Milchtierhaltung. Die Aktion war Auftakt der Kampagne „Ausgemolken“, die von den Gruppen „Nandu“ und „Tierfreunde e.V.“ ins Leben gerufen wurde. utopia sprach mit Erasmus von Nandu.

utopia: Ihr sprecht euch gegen jegliche Milchtierhaltung aus. Gibt es nicht auch glückliche Kühe?

Erasmus: Wir kritisieren generell, dass Menschen Tiere als Ware, Gegenstand oder Maschine behandeln. Es gibt natürlich Unterschiede in der Haltung von Kühen, aber die meisten Probleme sind bei allen Milchherstellern gleich: Die Tiere werden zunächst künstlich geschwängert. Nach der Geburt werden ihnen die Kälber weggenommen, die gemästet und zu Fleisch-Produkten verarbeitet werden. Die Milchkühe werden an Melkmaschinen angeschlossen. Wenn die Tiere keine Milch mehr geben, werden sie neu geschwängert und so weiter. Das ganze läuft ungefähr drei bis fünf Jahre. Danach werden die Tiere geschlachtet, weil sie nicht mehr genug Milch geben, also unprofitabel werden. Eigentlich haben sie eine Lebenserwartung von 20 Jahren. Dazu kommt, dass ein Großteil der Nutztiere in Verhältnissen lebt, bei denen jeder sagen würde, dass sie überhaupt nicht Ok sind. Sie stehen meist auf engstem Raum in ihrer eigenen Scheiße, haben Euter-Entzündungen, offene Wunden und Krankheiten.

Wenn man Kühe nicht mehr melken würde, wären ihre Euter überlastet.

Das stimmt. Die Kühe, die wir kennen, geben mehr Milch als ihre Kälber trinken können. Daher sind sie in der Natur auch nicht überlebensfähig. Das liegt allerdings daran, dass die Kühe von Menschen so gezüchtet wurden, dass sie möglichst viel Milch geben.

Es heißt, Milch sei gesund…

Ja, das haben uns Milchindustrie und Staat jahrzehntelang mit viel Werbung eingeredet. Dadurch hat die Milch ein makellos weißes Image bekommen. Milchkonsum wurde als etwas Tolles, Gesundes und Notwendiges dargestellt. In Wirklichkeit ist Milch erstmal etwas für Kinder, und zwar für Kinder der eigenen Spezies. Erwachsene brauchen Milch nicht. Im Gegenteil: Milchkonsum wird bei vielen Erwachsenen mit Krankheiten wie Akne, Neurodermitis oder der Knochenkrankheit Osteoporose in Verbindung gebracht.

Was hat Milchherstellung mit Umweltverschmutzungen zu tun?

Aktuell ist viel von Klimawandel die Rede. Da spielt die Tierhaltung eine wichtige Rolle. Kühe geben zum Beispiel als Wiederkäuer Methan ab, ein sehr starkes Treibhausgas. Das ist bei Rindern normal. Problematisch ist, dass die Menschen so wahnsinnig viele Tiere zu ihrem Nutzen halten. Dabei spielt der Milchkonsum eine zentrale Rolle. Die Herstellung von einem Liter Milch hat in etwa die gleiche Klimawirkung wie eine Autofahrt über sieben Kilometer. Bei Butter ist das Verhältnis noch krasser: 250 Gramm Butter entsprechen in der Klimabilanz einer 40 Kilometer langen Autofahrt. Tierhaltung trägt zudem zu anderen Umweltzerstörungen wie Wasserverschmutzung und Artenschwund bei. Das zeigte die UN-Studie „Livestock’s Long Shadow“.

Was wollt ihr mit eurer Kampagne erreichen?

Zunächst wollen wir Leute für das Thema sensibilisieren und über die Folgen des Milchkonsums aufklären. Mittelfristig erhoffen wir uns dadurch, dass weniger Milch konsumiert wird. Aber beim individuellen Konsum kann es wie immer nicht aufhören. Wir müssen uns auch in diesem Bereich als Gesellschaft fragen, was es bedeutet, alles und jedes zu Waren und Maschinen zu machen.

Was für Aktionen sind geplant?

Die Kampagne hat gerade erst angefangen. Wir sind dabei, Aktionsmaterial zu erstellen und arbeiten noch an der Homepage ausgemolken.net, auf der bald auch Anregungen für Aktionen zu finden sein werden. Die Kampagne soll dezentral stattfinden: Wir hoffen, dass sich viele Gruppen aus dem Tierrechtsbereich aber auch aus anderen emanzipatorischen Bewegungen der Kampagne anschließen und eigene Aktionen starten. In Berlin wollen wir zum Beispiel am 18. oder 19. März eine Aktion anlässlich des Berliner Milchforums durchführen. Das Milchforum wird unter anderem vom Deutschen Bauernverband und dem Milchindustrie-Verband veranstaltet. Dementsprechend bleiben die Interessen von Tieren und vielen Menschen außen vor. Wir wollen bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion vor dem Konferenzgebäude diese Interessen berücksichtigen.

Eine letzte Frage: Sehnst du dich nicht manchmal nach einer schönen Käse-Pizza?

Bei guter veganer Pizza vermisse ich nichts, aber bei Auflauf mit Hefeschmelz fehlt mir manchmal die knackige Kruste. Nur fehlt mir bei Auflauf mit Kuhkäse leider viel mehr: Das richtige ethische Verhältnis zwischen meinem Geschmacksluxus und den existenziellen Bedürfnissen der Rinder. Und für andere Milchprodukte haben insbesondere Bio-Hersteller Alternativen entwickelt, die oft schon jetzt die herkömmlichen Milchprodukte in Auswahlmöglichkeiten und Geschmack übertreffen.

Interview: David W.

Mehr Infos: www.ausgemolken.net, www.nandu.net

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